Überraschende Entdeckungen in der Kunsthalle – Luhmanns Zettelkasten ist noch bis zum 11.10 in der Kunsthalle Bielefeld zu sehen

von Sophia Stockmann und Johanna Springhorn

Vom zufälligen Finden

„Serendipity“ – so überschreibt die Kunsthalle Bielefeld ihre neue Ausstellung, in der es neben Werken der Künstler Ulrich Rückriem und Jörg Sasse auch den Zettelkasten von Niklas Luhmann zu sehen gibt. Laut Wikipedia meint „Serendipity“ die „zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist.“ Die sozusagen-Redaktion konnte es sich natürlich nicht entgehen lassen, dieser Ausstellung einen Besuch abzustatten.

Zettelkasten

Foto: © Ingo Bussmann


Den genialen Ideen ganz nah

Der Zettelkasten, das legendäre Möbelstück, in dem der Übergott der Bielefelder Systemtheorie seine Ideen, Textverweise und Literatur nach einem komplexen System ordnete steht im Eingangsbereich der Kunsthalle. Gar nicht mal so groß und ziemlich unspektakulär sieht der hölzerne Kasten aus. Doch auf den zweiten Blick erkennt man, dass in jeder Schublade tausende Zettel eng zusammengequetscht sind, geordnet nach einem speziellen Ablagesystem. Es juckt in den Fingern, die Zettel zu durchwühlen, auf der Suche nach dem neuen soziologischen Coup, der in der schieren Masse versteckt sein muss. Aber natürlich steht der Zettelkasten hinter Glas und nur einzelne Zettelreihen sind in Vitrinen ausgestellt.

Der Zettelkasten als Kommunikationspartner

Texte an den Wänden und weitere Ausstellungsstücke geben einen Eindruck von Luhmanns Zusammenarbeit mit dem Zettelkasten: Er sah diesen als einen Kommunikationspartner, der immer wieder neue Verbindungen und Ideen zutage bringe. Der Zettelkasten funktioniert dabei wie ein Computer, der unerwartete Verbindungen aufdeckt. Luhmann selbst kommentierte seinen Zettelkasten so: „ Die neuen Ideen ergeben sich aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Zettel zu den einzelnen Begriffen. Ohne die Zettel, also allein durch Nachdenken, würde ich auf solche Ideen nicht kommen.“ Vielleicht eine Anregung, sich seinen eigenen Zettelkasten einzurichten? Und als ob Luhmann es geahnt hätte, dass sein Zettelkasten einmal Teil einer Ausstellung sein wird, findet sich auf einem Zettel die Notiz:

„Zuschauer kommen, sie bekommen alles zu sehen, und nichts als das – wie beim Pornofilm. Und entsprechend ist die Enttäuschung.“ (Zettel 9/8,3)

Außerdem baute Luhmann einen Joker in seinen Zettelkasten ein:

„Im Zettelkasten ist ein Zettel, der das Argument enthält, dass die Behauptungen auf allen anderen Zetteln widerlegt. Aber dieser Zettel verschwindet, sobald man den Zettelkasten aufzieht. Das heißt er nimmt eine andere Nummer an, verstellt sich, und ist dann nicht zu finden.“ (Zettel 9/8j)

Kunst mit Systematik

Neben Luhmanns wissenschaftlichem Nachlass zeigt die Ausstellung die Werke zweier bildender Künster, deren Werke – ähnlich wie bei Luhmanns Theorie – eine bestimmte Systematik zugrunde liegt.  Von Jörg Sasse sind zwei „Speicher“ zu sehen, in denen Fotos und Bilder abgelegt und mit jeweils mehreren Nummern versehen sind. Die Besucher*innen können selber nach einer bestimmten Systematik Bilderreihen erstellen und an den Wänden der Kunsthalle aushängen. Auf diese Weise entstehen immer wieder neue Bilderreihen. Ulrich Rückriems  geometrischen Bildern liegt ebenfalls ein bestimmtes System zugrunde: Sie sind eine Konstruktion von Teilungen und Verbindungen von Flächen durch Linien.

Forschungsprojekt zum Zettelkasten

Wenn der Zettelkasten gerade nicht im Museum steht, wird der Inhalt durch ein Forscherteam an der Uni Bielefeld ausgewertet und digitalisiert. (Mehr dazu ist in der sozusagen Ausgabe vom Sommersemester ’12 und Wintersemester ’12/’13 nachzulesen). In den nächsten Jahren soll ein digitales Archiv entstehen, in dem Nutzer*innen die Gedankenwelt Luhmanns erforschen können – und dabei hoffentlich auch die Serendipity erleben.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 11.10.2015.
Im September ist der Eintritt für alle Besucher*innen frei.

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