Neue Räume – neue Zeiten?

von Sophia Stockmann

Im Mai letzten Jahres sind die Fakultäten Soziologie und Geschichte, sowie die Mensa aus dem großen Bielefelder Universitätsgebäude in einen Neubau – das sogenannte X-Gebäude – gezogen. Zwar liegt dieses nur wenige Schritte vom Hauptgebäude entfernt. Seit der Gründung der Uni in den 60er Jahren sind aber nun erstmals nicht alle Fakultäten in dem selben großen Gebäude untergebracht.

Der Umzug ist nun schon mehr als ein Jahr her: Die weißen Wände sind nicht mehr ganz so weiß, die ersten Klotüren geben ihren Dienst auf, der penetrante Geruch nach frischem Teppich hat sich verzogen und niemand kommt mehr auf die Idee, sein Besteck bei der Mensarückgabe auf dem Teller liegen zu lassen. Doch vor allem eines fällt auf: Niemand jammert mehr. Niemand beschwert sich mehr über die neue Mensa, keine Flurgespräche mehr über die automatischen Rollläden und Bewegungsmelder in den Büros, und niemand klagt über die feste Bestuhlung in den Seminarräumen. Ganz klar – wir haben uns dran gewöhnt.

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Bild: Johanna Springhorn CC BY-SA 3.0

Der französische Soziologe Bruno Latour, Vertreter der Akteur-Netzwerk-Theorie, würde diesen Prozess des Sich-Dran-Gewöhnens anders beschreiben. Er meint, dass auch Dinge als sogenannte Aktanten handeln: so handeln zum Beispiel die Eingangstüren zum Hauptgebäude ganz anders als die Schiebetüren am X-Gebäude. Die Türen am Hauptgebäude sind schwer, groß und werden für Nachfolgende aufgehalten. Die Schiebetüren erfordern dagegen, dass man sein Gehtempo an die automatische Bewegung der Türen anpassen muss: durch diese Türen kann man nicht rennen. Um jeden Gegenstand entspinnt sich also eine bestimmte soziale Ordnung, die dadurch mitbestimmt ist, wie der Gegenstand funktioniert. So bestimmen Gebäude, Räume und deren Architektur mit, wie wir uns in ihnen bewegen.

Natur, so Bruno Latour, sei nicht die Vorbedingung der Gesellschaft, und Technik nicht deren Folge. Stattdessen betonen die Vertreter_innen der Theorie netzwerkartige Verbindungen zwischen Gegenständen, Konzepten und (sozialen) Handlungen. Die Universität wird demnach genauso von Gegenständen wie Büchern, Computern, Tischen bestimmt, wie durch Dozierende und Studierende und deren Ideen. Alle zusammen bilden sie ein Netzwerk, dass Universität genannt wird.

Der Umzug der Fakultäten in ein neues Gebäude war also nicht nur ein bloßer Raumwechsel – er führte zur Entwicklung eines neuen Akteur-Netzwerks. Wie bei jeder Beziehung zu einem anderen Menschen müssen wir neue Räume, Gegenstände und Technologien erst mal kennenlernen und ihre Eigenheiten verstehen. Wir müssen quasi eine Netzwerk zu der Tür, zur Mensa und der Bestuhlung aufbauen, gemeinsam mit tausenden anderen Studierenden und Angestellten. Und so dauerte es erst mal ein paar Monate des Jammerns und Meckerns über das neue Gebäude, bis sich neue, jetzt selbstverständliche Netzwerke gebildet hatten.

Trotzdem – oder gerade deswegen – sollten wir darüber nachdenken, was das X-Gebäude mit unserer Art, sich im Gebäude zu bewegen und zu studieren macht. Führen die Sitzreihen in den Seminarräumen zu einer anderen Diskussionskultur? Was macht die Mensa mit unserem Essverhalten? Und wie sehr beeinflussen die automatischen Rollläden das Lernen von Studierenden in der Bibliothek?


Mehr zur Soziologie von Zeiten und Räumen findet ihr in der neuen Ausgabe der sozusagen, die demnächst erscheinen wird!

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