Stadt, Land, Flucht

von Tristan Eggers

Stadt ist der Ort wo Fremde wohnen. Auf dem Dorf gibt es keine
Fremden. In der Stadt ist man überrascht, ein bekanntes Gesicht zu
sehen, und je häufiger dies geschieht, desto eher beschleicht einen
das Gefühl in der Provinz zu leben, nicht eigentlich in der Stadt.“

Dieses Zitat des Soziologen Walter Siebel beschreibt im Prinzip perfekt den Umstand, der mir widerfahren ist, als ich nach dem Abitur zum Bachelorstudium in die südwestfälische Stadt Siegen gezogen bin. Natürlich könnte man jetzt sagen, dass Siegen mit seinen knapp 100.000 Einwohnern nicht gerade zu den schillerndsten Metropolen dieser Welt zählt. Jedoch für jemanden, der aus einem 800 Seelen-Dörfchen kommt und dessen Abiturprüfung aufgrund eines vom benachbarten Bauernhof ausgebüxten Rindviehs kurz unterbrochen werden musste, war das schon ganz schön aufregend.

Die Provinz ruft_Kati

Bild: Katharina Guth CC BY-SA 3.0

Eine WG war bereits nach dem ersten Besuch in Siegen gefunden. Die Stadt selbst habe ich mir aber weder bei diesem einen Besuch noch vorher oder nachher im Internet genauer angeschaut. Großstadt ist Großstadt, dachte ich, da wird auf jeden Fall mehr los sein als im Lipperland. Wenn man vom platten Land kommt, hat man natürlich so einige Erwartungen an seine neue Heimat in der Stadt: Ein sozusagen unlimitiertes Nachtleben, ohne dass man sich kümmern muss, wer mit Fahren dran ist oder auf wessen Sofa man übernachten kann, dazu eine Menge Freizeit- und Kulturangebote sowie Konzerte und Sportveranstaltungen.

Trotzdem habe ich mir bereits vor Beginn des Studiums fest vorgenommen: Die Stadt wird nur ein temporäres Zuhause. Ich mag das Landleben. Die Beständigkeit, die Ruhe, die Weite. Zudem lebten viele meiner guten Freunde weiterhin in der alten Heimat, da sie dort entweder eine Ausbildung machten oder an Unis in der Nähe studierten. Darum bin ich in der ersten Zeit auch ziemlich oft am Wochenende nach Hause gefahren.

Mit der Zeit wurde das Ganze aber ein wenig teuer. Da die Bahnverbindung durch das Sauerland eher bescheiden ausgebaut ist, bin ich mit dem Auto gefahren, und das ging richtig ins Geld. Außerdem lernte ich die Leute aus dem Studium besser kennen und verbrachte mehr und mehr Zeit in der Stadt. Nicht unbedingt in Siegen sondern vor allem in den Städten in der näheren Umgebung: Köln, Bonn, Düsseldorf. Und zu meinem Erstaunen gefiel es mir dort wirklich ausgesprochen gut. Alles war schnell und einfach zu erreichen und statt Betonwüste erwarteten einen Parks und das schöne Rheinufer. Ab diesem Zeitpunkt begann ich langsam daran zu zweifeln, nach dem Studium wieder aufs Land zurückzugehen. Nicht nur, weil ich begann, mich in der Stadt wohlzufühlen, sondern auch, weil ich mich im Laufe des Studiums natürlich zwangsläufig damit beschäftigen musste, was danach kommt. Denn so schön es in Lippe auch ist, besonders viele Unternehmen, bei denen man direkt nach dem Studium einsteigen könnte, gibt es leider nicht. Daher entfernte ich mich immer weiter von dem Gedanken, direkt nach dem Studium wieder aufs Land zu ziehen, und schaute mich stattdessen sowohl nach Praktika als auch Festanstellungen in den großen Städten um. Das war natürlich ein tolles Argument, um mich selbst davon zu überzeugen, dass es nur berufliche Gründe gibt, in der Stadt zu bleiben. Klassischer Fall von Selbstbetrug. Denn in Wahrheit lebte ich inzwischen wirklich gern in der Stadt und fragte mich, ob mein Home auf dem Land wirklich noch mein Castle ist. Zwar freute ich mich jedes Mal, wenn ich nach Hause fahren konnte, aber nach einer Weile hat es mich doch wieder zurück in die Stadt gezogen.

Man kann natürlich versuchen, die Vor- und Nachteile von Stadt und Land irgendwie gegeneinander abzuwägen. So kann man für das Land argumentieren, dass dort die Luft besser und es allgemein eher ruhiger und ungefährlicher ist. Dadurch, dass man sich meistens untereinander kennt, herrscht keine so große Anonymität wie in der Großstadt und man hilft sich vor allem in kleinen Dörfern gegenseitig aus. Wer gerne in der Natur ist, hat Wälder, Flüsse, kleine Seen, Felder und Wiesen und natürlich die Tierwelt direkt vor der Haustür. Am Wochenende ist man in kürzester Zeit im Grünen, kann Ausflüge machen oder wandern. Der Nachteil des Landlebens ist dabei jedoch, dass man weite Strecken zurücklegen muss und die Infrastruktur nicht immer optimal ist. So kann es vorkommen, dass man zur nächsten Autobahnauffahrt schon mal eine gute Stunde unterwegs ist und der öffentliche Nahverkehr den Wohnort nur alle paar Stunden bedient. Werktags, versteht sich. Das macht es natürlich auch schwieriger, abends und am Wochenende etwas zu unternehmen und erfordert etwas Planung.

Das wiederum sind Vorteile für die Stadt: man hat einfach alles vor der Nase. Angefangen bei öffentlichen Einrichtungen bis hin zu Kulturmöglichkeiten, Restaurants, Clubs oder Kinos. Dafür ist das Leben in der Stadt meistens anonymer, es gibt mehr Lärm, Autos und Schmutz. Andererseits gibt es gerade in großen modernen Städten auch viele grüne und ruhige Ecken und nicht mehr benötigte Infrastruktur wird immer öfter für eine parkähnliche Nachnutzung bereitgestellt. Beispiele dafür sind der Tempelhofer Park in Berlin, The High Line in New York oder auch die Promenade plantée in Paris. Meist kann man sogar auf ein Auto verzichten, weil das Verkehrsnetz in der Stadt wesentlich besser ausgebaut ist als auf dem Land. Die Wege zur Arbeit sind kürzer und Einkaufsmöglichkeiten flexibler. Letztendlich ist es aber ganz klar Geschmackssache, denn Kompromisse muss man immer eingehen. Sowohl Großstadt als auch Land haben deutliche Vor- und Nachteile, keines von beiden ist pauschal besser oder schlechter.

Man kann heute eigentlich generell sagen, dass – zumindest in Europa und Nordamerika – die „klassische Stadt“, also grau, trist, dreckig, ohnehin ein Auslaufmodell ist, und die Vorteile von Stadt und Land, wie oben beschrieben, immer mehr verschmelzen. Bereits 1900 veröffentlichte der englische Schriftsteller und Science Fiction Autor H.G. Wells einen Aufsatz mit dem Titel „The Probable Diffusion of Great Cities“. Wells’ These ist dabei, dass die Stadt gewissermaßen in das Land hinein diffundiert und dabei die Eigenschaften von Stadt und Land ununterscheidbar werden, sodass eine weitgehende Urbanisierung der modernen Gesellschaft erfolgt. Auch aus Wells’ historischer Perspektive wäre das Resultat also nicht der Sieg einer der beiden Seiten: Stadt oder Land. Die beiden Extreme lösen sich demnach eher auf und die Unterscheidung von Zentrum und Peripherie tritt immer mehr in den Hintergrund.

Mittlerweile kann ich also sehr gut nachvollziehen, warum viele Studierende aus ländlichen Regionen nach Abschluss des Studiums nicht wieder zurück in die alte Heimat wollen. Diese Entscheidung allerdings trifft besonders die ohnehin schon strukturschwachen Regionen unseres Landes hart. Denn die Abwanderung der höher Gebildeten, der sogenannten Braindrain, führt dazu, dass Unternehmen keine Notwendigkeit und keine Anreize dazu finden, sich in diesen Regionen niederzulassen oder – falls sie schon da sind – dort zu expandieren. Das passiert dann eher in der Peripherie der am nächsten gelegenen Großstadt. Auf der anderen Seite haben dadurch Absolventen, die gerne zurück in ihre alte Heimat möchten, oft keine Chance, einen Job zu finden, und werden quasi dazu gezwungen, in die Großstadt, die Metropolregionen unseres Landes oder gar ins Ausland abzuwandern. Der Großteil der Studierenden entscheidet sich meiner Einschätzung nach allerdings ohnehin bewusst dazu, nach dem Studium in der Großstadt zu bleiben. Und wie ich bereits weiter oben erwähnte: ich kann es ihnen nicht verübeln.

Nun kam es nach Ende des Bachelorstudiums dazu, dass ich zum Arbeiten und zur Überbrückung bis zum Master ein Praktikum bei einem großen Konzern im lippischen Südosten anfing. Dadurch lernte ich das Leben auf dem Land zum ersten Mal aus Arbeitnehmersicht kennen und war doch angenehm überrascht. Denn das Unternehmen ist sich natürlich durchaus bewusst, dass es als Arbeitgeber in Konkurrenz zu Konzernen in weitaus attraktiver gelegenen Umgebungen steht. Daher werden den Angestellten viele Anreize, wie beispielsweise Sport- und Kulturangebote geboten, die entweder unentgeltlich oder zu sehr viel günstigeren Konditionen genutzt werden können. Von daher ist es vielleicht auch ein gegenseitiges Geben und Nehmen. Natürlich müssen Politik und Wirtschaft Anreize bereitstellen, um gut ausgebildete Menschen in ländliche Regionen zu locken. Allerdings müssen junge Menschen – vor allem wenn sie ohnehin in der Stadt aufwuchsen – flexibel und offen dafür sein, diese Angebote auch anzunehmen.

Was also auch dazu führt, dass Studenten nach dem Abschluss in der Stadt bleiben möchten, ist, dass die Meisten gar nicht wissen, welche Vorteile es häufig gibt, wenn man erstmal im Berufsleben steht. Natürlich, als Studierender gibt es nichts Besseres als die große Stadt, aber im Beruf?

Vielleicht sollte man doch öfter einmal über den Tellerrand schauen und sich nicht einfach von Anfang an vom urbanen Glanz täuschen lassen.

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Eine Antwort zu Stadt, Land, Flucht

  1. nickel schreibt:

    Ein schöner Blick zwischen Stadt und Land.

    Ich denke aber, dass es sehr darauf ankommt, wo das „Land“ sich befindet. In Südthüringen beobachte ich nicht, dass sich die Arbeitgeber mit Boni und Sonderleistungen Mühe geben. Das Gegenteil ist der Fall. Die Bezahlung ist schlecht (schlechter als in den größeren Städten) und aus Erzählungen weiß ich, dass es Betriebe gibt, die sehr mit dem Druck spielen, dass das Arbeitsangebot knapp ist und die Menschen aufrgund ihrer Häuser und Familien „festsitzen.“ Es wird Druck ausgeübt, teils befinden sich Arbeitszeiten, Arbeitsschutz und andere Parameter in rechtlichen Grauzonen – oder schon darüber hinaus. Man weiß, dass kein Angestellter sich wehren würde, da niemand seinen ohnehin unsicheren Arbeitsplatz verlieren will. Einmal wurde in einem Betrieb gar ein Schreiben ausgehängt, in dem mehr oder weniger stand, die Leute sollen froh sein dort arbeiten zu dürfen; man könne auch ins Ausland gehen und dann wären alle arbeitslos. Besagter Arbeitgeber verglich auch gern die Krankenstände u.ä. mit einer Niederlassung, die wirtschaftlich wie sozial überhaupt nicht vergleichbar war (Westdeutschland, bessere Infrastruktur, signifikant höhere Löhne etc.)
    Die Arbeitnehmer sind dagegen schlecht bis gar nicht organisiert, haben daher keine gute Verhandlungsbasis. Betriebsräte werden „erkauft“ und vertreten nicht die Wünsche und Forderungen der Arbeitnehmer, sondern die des Arbeitgebers.
    Wären oben genannte Umstände ein Einzelfall, könnte man es als solchen auslegen. Doch dem ist leider nicht so.

    Die Jungen ziehen weg, die Alten bleiben ezurück und werden ausgebeutet.

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