Schreiben unter Drogen

Das Thema Drogen wird gemeinhin in der gesellschaftlichen Schmuddelecke verhandelt. Politiker, die eine Liberalisierung der Eigenbedarfsgrenzen oder selbst nur ein Nachdenken darüber einfordern, verbrennen sich die Finger, und das offene Eingestehen vom eigenen Drogenkonsum ist auch nicht gerade anerkannt.

Dass in Berufen, die viel Stress mit sich bringen, gerne mal die Leistung durch verschiedene legale und illegale Mittel gesteigert wird, ist bekannt. Dass auch an Unis gedopt wird, ist ebenfalls nicht neu. Laut einer Studie hat jeder fünfte Studierende während des Studiums schon einmal leistungssteigernde Mittel genommen, bzw. nimmt diese regelmäßig. Dabei geht es aber, so vermute ich, vorrangig um erhöhte Aufmerksamkeit beim Lernen für Klausuren und nicht unbedingt um die Produktion von Texten. Aber genau diese Frage habe ich mir gestellt: Welche Drogen werden bei der Produktion von Texten genommen und was für Effekte haben sie auf den Schreibprozess? Können sie Schreibblockaden lösen oder kreative Ideen befördern? Oder bewirken sie womöglich das Gegenteil?

Um der Beantwortung dieser Fragen etwas näher zu kommen, habe ich mit einer alles anderen als repräsentativen Auswahl von Kommilitonen und Kommilitoninnen gesprochen und gefragt, wie deren Umgang mit Drogen vorm und/oder im Schreibprozess aussieht. Ich finde, das ist ein nicht uninteressantes Thema, da eigentlich viel zu selten über den Schreibprozess gesprochen wird. Und über die Begleitumstände des Schreibens noch viel weniger.

Um möglicher Sensationsgeilheit den Wind aus den Segeln zu nehmen: es geht hier  um „weiche“ Drogen. Die Bielefelder Studierenden ballern sich nicht mit Koks voll, wenn sie ihre Hausarbeiten schreiben. Zumindest reden sie nicht darüber.

Zum Selbstbild vieler Studierender gehört eine Tasse Kaffee und ein Glas Wein in der Hand. Das Bild des Intellektuellen, der oder die abends bei einem Glas (meistens eher einer Flasche) Wein ein Buch liest oder sich geistig ergießt, ist weit verbreitet. Genauso der kaffeetrinkende Student. Die langen Schlangen vor den Kaffeeständen in der Unihallte deuten ebenso darauf hin wie die Kaffeeflecken, die den Uniboden schmücken.

Beide Getränke gehören für viele nicht nur zum Selbstbild, sondern auch zum Schreibprozess. Wenn ich in den Semesterferien eine Hausarbeit schreibe, koche ich mir, bevor ich mit irgendwas anfange, nicht selten erst mal eine Kanne Kaffee. Egal ob ich müde bin oder nicht. Es ist eine Art Ritual.

Ähnlich ist es bei vielen Leuten, die lieber nachts schreiben. Ein Wein oder ein Bierchen gehören bei einigen selbstverständlich neben das Blatt Papier oder den Laptop. Die Gewohnheiten sind da aber sehr unterschiedlich. Ich kann mich nach dem ersten Schluck Bier meistens so gut wie gar nicht mehr konzentrieren, bzw. es fällt mir extrem schwer. Leute mit denen ich gesprochen habe berichteten jedoch, dass sie am kreativsten sind und die besten Einfälle haben, wenn sie ein bis zwei Gläser Bier oder Wein getrunken haben. Sie erklärten das damit, dass das das Gehirn etwas entkrampft und die verschiedenen, störenden, Nebengedanken ausgeschaltet werden. Außerdem meinten sie, dass sie so vom Alltagsstress ‚runterkommen‘ können.

Fraglich ist, ob das Trinken der Getränke wirklich die beschriebenen Wirkungen hat oder die Ritualisierung desselben den gewünschten Effekt bringt. Die oben angesprochene Kanne Kaffee hat bei mir auch schon öfters dazu geführt, dass ich nach der zweiten Tasse einen Koffein-Flash hatte und mich gar nicht mehr konzentrieren konnte. Und die Gefahr, dass nach dem zweiten Glas Wein zwar der Schreibfluss gesteigert wird, aber die Qualität des Geschriebenen leidet (analog zu der Beobachtung wie sich Gespräche unter Alkoholeinfluss verändern), ist auch nicht zu unterschätzen.

Interessanterweise gibt es unterschiedliches Konsumverhalten in verschiedenen Stadien des Schreibprozesses. Manche der von mir Befragten rauchen gerne einen Joint, um auf gute Ideen für ihre Arbeit zu kommen. Sie erklären das unter anderem damit, dass sie dadurch fokussierter sind, und die Umwelt so weit wie nötig ausblenden können. Wenn sie dann aber ein Thema haben und anfangen zu lesen oder schreiben, würde ein Joint oder ein Bier sie total vom Arbeiten abhalten und gar nicht helfen.

Bei anderen ist es genau andersherum. Die Themenfindung klappt bei ihnen viel besser ohne jegliche Hilfsmittel. Aber um den fast abgeschlossenen Text zu überarbeiten und zu entwirren, hilft ihnen etwas Alkohol oder ein Joint. Dadurch würden sich die selbst produzierten ‚Knoten‘ im Text auflösen und die einzelnen Ideen beziehungsweise Argumente besser heraustreten, berichtete eine Befragte. Eine andere Kommilitonin erzählte mir, dass ihr das Transkribieren bei etwas Rotwein viel besser von der Hand geht, da ihre Fehlertoleranz dann steigt.

Nicht selten scheint auch das Saufen während des Schreibprozesses, um einmal den Kopf frei zu bekommen und sich eine kurze Pause zu gönnen. Außerdem, so wurde mir erzählt, hat man dann am dem Besäufnis folgenden Tag eine gute Ausrede nicht arbeiten zu müssen, da der Kater zu stark ist. Quasi eine durch Alkoholkonsum legitimierte Arbeitspause.

Interessanterweise hat keiner von den Personen, mit denen ich gesprochen habe, jemals stärkere Drogen genommen, um effektiver oder kreativer zu schreiben. Wenn es allerdings um das kreative Schreiben (etwa von Romanen) geht, scheiden sich die Geister, was den Einsatz von halluzinogenen Drogen anbetrifft. Verschiedene Autorinnen und Autoren berichten, dass sie die besten Ideen für ihre Handlungen unter Einfluss von LSD hatten. Dass solche Drogen auch beim Verfassen von wissenschaftlichen Texten helfen, kann ich mir nicht vorstellen.

Vorsicht ist geboten, wenn es um pathologisches Verhalten geht. Die Anzahl von Studierenden, die mindestens ein latentes Alkoholproblem hat, ist erschreckend hoch. Nur 10% scheinen gar nicht zu trinken, und im Vergleich zur Gesamtbevölkerung trinken wir doppelt so oft große Mengen Alkohol. Der Umgang von Konsum und Schreiben verändert sich wahrscheinlich erheblich, je nach Gewöhnung. Wenn man nur nach einigen Gläsern schreiben kann, hat man wohl ein Suchtproblem. Geht es, wie hier geschildert, um kleinere Mengen, um sich zu entspannen oder um gute Ideen zu bekommen, ist das bestimmt hilfreich. Ähnliches kann über Cannabis gesagt werden. Wenn man nur stoned Arbeiten kann, ist das Konsumverhalten sicherlich pathologisch.[1]

Hausarbeiten schreiben hat bei vielen auch immer etwas mit Selbstbetrug zu tun. Die Zeit die man vertrödelt bis man wirklich arbeitet, das stundenlange im Internet surfen, bis wirklich mal ein Satz gelesen oder geschrieben wird oder einfach das stumpfe Kopieren ganzer Absätze aus Quellen. Wer mit sich selbst ehrlich ist und sein Schreibverhalten – auch in Bezug auf Drogen – reflektiert, kann dadurch vielleicht Erkenntnisse gewinnen, die dem eigenen Schreiben und damit dem Ergebnis gut tun.

Falls ihr andere oder weitere Erfahrungen zu diesem Thema gemacht habt, könnt ihr einfach die Kommentarfunktion nutzen.


[1] Es kann auch die Frage gestellt werden, ob es Menschen gibt, die nur Schreiben, um ihr Trinken legitimieren zu können. Etwas der Professor, der vorgibt nur nach einer Flasche Wein gescheit schreiben zu können und dadurch fortwährend an Buchprojekten arbeitet, um nicht als Alkoholiker geoutet zu werden.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s