Was kommt nach der Kirchenära?

Leckeres Maskottchen: Das Fliegende Spaghettimonster übergibt die acht „Am liebsten wäre mir’s“ an Kapitän Mosey. (cc) Osado

Religionssoziologen können sich über ein neues Untersuchungsfeld freuen: In London gibt es die angeblich erste ‚atheistische Kirche‘, bzw. korrekter, die angeblich erste größere Gemeinde nicht-religiöser Menschen, die jeden Sonntag zur „Sunday Assembly“ versammelt. Statt einem Ausschnitt aus der Bibel gibt es etwa Auszüge aus „Alice im Wunderland“ zu hören, an Stelle von Kirchenliedern singt man Songs von Stevie Wonder und Queen (nicht der Königin – der Band, natürlich!) und auch für Predigtersatz ist gesorgt. Ich frage mich, warum es so etwas nicht schon länger gibt. Es liegt eigentlich auf der Hand.

Und so, wie sich der vom humanistischen Pressedienst übersetzte BBC-Artikel liest, ist das auch eine recht erfolgreiche Idee. Sie ist ein instruktives Beispiel dafür, dass es durchaus funktionale  Äquivalente für eine religiöse und insbesondere kirchliche Praxis gibt. Die schrumpfenden großen Kirchen lassen, wie es scheint, Raum für Neues zurück und nicht nur eine Menschenmasse ohne Werte und ohne Zusammenhalt, wie es so oft befürchtet wird. So auch letzten Sonntag, als sogar Oskar Lafontaine in der Talkrunde bei Günther Jauch in seinen Beiträgen durchscheinen ließ: Ganz ohne Religion als Wertevermittlerin gehe es nicht.

Natürlich hört man die Unkenrufe schon, allein die Fremdbeschreibung der Londoner Gemeinde als „atheistische Kirche“ legt nahe: Der Atheismus werde eine neue Religion, nur ohne Gott. Bald werde die Missionierung beginnen und dann gebe es konkurrierende atheistische Weltanschauungen, die wie kirchen organisiert seien. Man kann hier an eine South Park Doppelfolge denken, in der Cartman durch ein Missgeschick in die Zukunft gelangt, in der zwar Gott zwar für tot erklärt wurde und die Kirchen abgeschafft sind, sich aber drei atheistische Parteien mit Gewalt um die Wahrheit streiten (die Allied Atheist Alliance (AAA), die United Atheist Alliance (UAA) und die Unified Atheist League (UAL). Richard Dawkins hält natürlich wenig von diesem fiktiven Szenario, in dem er eine wenig schmeichelhafte Rolle inne hat.

Auf jeden Fall scheint es Bewegung in der säkularen Strömung zu geben und ich bin mir sicher, dass es bald einige interessante Studien zu dem Thema geben wird. Und ich vermute, die Atheisten und Humanisten werden sich einige Vergleiche mit Kirchen usw. gefallen lassen müssen, auch wenn das ihrer eigenen Sicht natürlich keineswegs entspricht und auch definitorisch wenig Sinn ergibt, wenn doch keine übernatürlichen Prämissen Teil ihres Weltbildes sind und sie sich aktuell sehr stark von religiösen Gemeinschaften unterscheiden. Aber es dauert vermutlich seine Zeit, bis sich vernünnftige soziologische Konzepte für diese säkularen Alternativen etablieren.

Hier in Deutschland vielleicht eine Untersuchung wert: Es gibt bereits eine Gemeinde der „Kirche des fliegenden Spaghetti-Monsters“, die auch tatsächlich so etwas wie Gottesdienste durchführen, mit einer satirischen Intention, versteht sich. Bis die entsprechenden Studien erscheinen (ich kenne jedenfalls noch keine, für Hinweise wäre ich dankbar!) gibt es für Interessierte das Buch „Religion for Atheists“ von Alain de Botton. Dort findet man einen Versuch, die guten Elemente von Religion für humanistische bzw. atheistische Lebensweisen nutzbar zu machen. Was kommt nach der Kirchenära? Das weiß wohl nur das fliegende Spaghettimonster. Aber ernst zu nehmende Alternativen und Organisationen, die auch von (Religions-)Soziologen zu erforschen sind, gibt es einige.

Werbung für das genannte Buch macht de Botton unter anderem in diesem TED-Talk:

Von Alexander Engemann

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4 Antworten zu Was kommt nach der Kirchenära?

  1. Muriel schreibt:

    De Botton kann ich nun gar nicht ausstehen, der Mann hat in meinen Augen einfach zu vieles nicht verstanden, aber sonst: Die konkurrierenden atheistischen Weltanschauungen gibt es doch schon lange, was ja auch völlig klar ist, weil Atheisten ja erst einmal nicht mehr verbindet als der fehlende Glaube an eine bestimmte Kategorie von Wesen.
    Und auch die Kirche ist doch gar nicht neu. Ich erinnere mich, vor Jahren schon von einer Church of Free Thinking (oder so) in den USA gehört zu haben, mit ungefähr dem gleichen Programm. Oder verwechsle ich da was?
    Für mich ist das nichts, aber ich gönne jedem, was ihm Spaß macht, solange er nicht wie de Botton gleich auch die religiöse Methodik mit der Gemeinschaft verbinden will.

    • Alex schreibt:

      Hallo Muriel,
      danke für den Hinweis, bin deiner Vermutung nachgegangen und auf die „Church of Freethought“ gestoßen (http://www.churchoffreethought.org/), habe schon vermutet, dass es nicht wirklich die erste ‚Kirche‘ dieser Art ist, auch wenn der BBC-Artikel das behauptete. Die Website würde mich als Atheisten tendenziell abschrecken, da sie sehr an eine evangelikale Gemeinde erinnert, aber Amerikaner haben da ja eine eigene Ästhetik. 😉
      Das Buch von de Botton habe ich leider noch nicht gelesen, steht schon seit einiger Zeit auf meiner Leseliste. Die 10 Commandments fand ich jetzt auch nicht so überzeugend, aber sein Grundanliegen ist sehr interessant, weil er die religiöse Praxis nicht, wie viele andere Atheisten, völlig diskreditiert. Und gerade kontroverse Bücher sind ja oft mit Gewinn zu lesen.

      • Muriel schreibt:

        Sein Buch habe ich auch nicht gelesen, weil ich seinem TED-Talk schon entnehmen zu können glaubte, dass ich seinen Ansatz von vornherein ablehne, weil er in erheblichen Teilen genau das von Religionen übernehmen will, was mich an ihnen stört.
        Der Glaube an irgendwelche Götter ist ja nicht das eigentliche Problem, sondern nur ein Symptom.

      • Alex schreibt:

        Vielleicht kommt hier ja irgendwann mal eine Rezension 😉
        Beste Grüße!

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