Die Themen liegen auf der Straße. Doch wie sammelt man sie ein? Über ein leidiges Problem studentischer Arbeiten

von Thomas Hoebel (bereits erschienen in der Alltagssoziologie-Ausgabe)

Der Ökonom und Hochschuldozent Stefan Zimmermann hat an Sarkasmus nicht gespart, als er vor einigen Jahren seine „perfekte Anleitung für schlechte Studienarbeiten“ veröffentlichte.[1] Der Text ist großartig. Interessierte Leserinnen erfahren präzise, was Prüflinge an deutschen Hochschulen auf keinen Fall auslassen sollten, um garantiert eine erfolglose Hausarbeit oder Thesis zu schreiben. „Gehen Sie bloß nicht in die Bibliothek!“, „Bleiben Sie vage!“ oder „Bleiben Sie bei der Arbeit am Rechner stets online, halten Sie das Soziale Netzwerk Ihrer Wahl jederzeit offen!“ sind nur einige Ratschläge aus einem reichhaltigen Potpourri der Möglichkeiten. Der Subtext des Essays steht einem allerdings genauso klar vor Augen. Aus Zimmermanns Sicht folgen im übertragenen Sinn viel zu viele Studierende ‚seiner‘ Anleitung. Kurz, an deutschen Hochschulen sei ein entsprechendes Studierverhalten Alltag. (Achtung. Spätestens jetzt ist für alle, die sich nicht schooon wieder mit lästigem Uni-Kram auseinandersetzen möchten, der Punkt erreicht, zum nächsten Artikel weiterzublättern.)

Wenn Lehrende über Studierende urteilen (und andersherum ist es meiner Erfahrung nach genauso), wird oftmals ein zäher Brei aus Pauschalierungen (‚Der Studierende an sich…‘) und Attributionsfehlern (‚… ist gemeinhin unfähig‘) angerührt und mit einem Schuss social proof gewürzt (bestätigendes Nicken, bestätigende Anekdoten). Durch ihre induktiv gewonnenen Erkenntnisse meinen Dozenten einiges über ihre Schützlinge zu wissen – was in scharfem Kontrast dazu steht, dass es sozialwissenschaftlich gesehen recht wenig Belastbares über die zahlreichen Varianten gibt, wie die Kommilitoninnen aktuell tatsächlich studieren. Sicher, es gibt Studierende, die Texte abgeben, deren Lektüre zwar nicht ganz den Tatbestand der Körperverletzung erfüllt, mindestens aber der Verschwendung von Lebenszeit. Aus soziologischer Sicht macht es sich jedoch jeder Versuch, das Problem schlechter Texte direkt und einseitig ‚den Studierenden‘ zuzurechnen, zu leicht – auch wenn er wie im Falle Zimmermanns exzellent geschrieben ist. Denn der Prozess, wie es zu einem Ergebnis gekommen ist, verschwindet dabei voreilig hinter der Person der jeweiligen Autorin, die nicht umhin kommt, sich zu dem Ergebnis bekennen zu müssen. Ihr Name steht schließlich auf dem Deckblatt.

Legt man dagegen das Augenmerk auf den Prozess selbst, erschließen sich ganz andere Möglichkeiten, um die Produktion schlechter Studienarbeiten zu begreifen. Ich möchte an dieser Stelle eine These wagen, für die ich meine, auch Dank der Berichte von Kolleginnen, einige Evidenz zu haben. Eine zentrale Bedingung der Möglichkeit, dass ein prüfungsrelevanter Text total in die Hose geht, liegt darin, dass die Themenfindung nicht konsequent mit der Formulierung einer sowohl orientierenden als auch motivierenden Fragestellung abgeschlossen wird. Während ‚orientierend‘ dabei meint, dass der Autor einigermaßen Klarheit darüber gewonnen hat, welche Problemstellung er in einer bestimmten Frist, in einem begrenzten Zeichenumfang und vor allem mit knappen mentalen und körperlichen Ressourcen bearbeitet, bezieht sich ‚motivierend‘ darauf, dass der Autor sich zumindest für die Bearbeitungsphase in einem Zustand befindet, in dem er Spaß daran hat, auf ein eigenes Argument zu der gewählten Frage hinzuarbeiten. Bewusst scharf formuliert heißt das: Scheitert die angemessene Zuspitzung einer Fragestellung, kann man die Sache gleich vergessen – nicht zu verwechseln damit, dass sich die Fragestellung während des Schreibens durchaus noch verändern kann. „Es liegt in der Natur der Sache, daß ein Forscher erst weiß, was er untersucht, wenn er es erforscht hat“, wie Gregory Bateson schreibt. Doch ohne eine hinreichend konkrete Fragestellung kann die Reise erst gar nicht beginnen. Die Crux ist bekanntermaßen, dass das Studium der Soziologie, was das Suchen und Finden von Themen angeht, besonders anspruchsvoll ist. Zum einen müssen hier im Vergleich zu vielen anderen Studiengängen häufig Texte geschrieben werden. Zum anderen besteht in der Regel und weitgehend unabhängig von einzelnen Lehrenden die Erwartung, dass die Studierenden eigenständig Problemstellungen entwickeln. Soziologie zu studieren ist gerade in diesen Punkten reichlich riskant. Und es ist vermutlich nicht übertrieben zu behaupten, dass gerade diejenigen Kommilitonen ein erfolgreiches Studium absolvieren, denen es gelingt, Fragen zu ‚bringen‘, die sowohl den Geschmack ihrer Betreuerinnen finden, als auch so zugeschnitten sind, dass sie überhaupt im Rahmen der genannten Restriktionen bearbeitet werden können.

Ebenfalls ist es nicht übertrieben zu behaupten, dass unter vielen Studierenden der Soziologie erhebliche Unsicherheit darüber herrscht, was sich überhaupt als Thema eignet. Ihnen hilft es vielleicht erstmal recht wenig, wenn ich hier schreibe: Eure Themen liegen auf der Straße! Und trotzdem schreibe ich es hier. Andrew Abbott hat das vor einigen Jahren mal auf die Formel gebracht, dass die Soziologie nicht besonders gut darin sei, sich nicht um ein Thema zu kümmern. Die Disziplin zieht Themen an wie Glühlampen die Mücken, „always aquiring them, seldom losing them“. Diesen Mangel an Selektivität mag mancher als Problem sehen. Aus studentischer Sicht liegt darin gleichwohl ein erheblicher Vorteil. Die Themenfindung kann so ohne Weiteres am eigenen Alltag ansetzen! Die Nutzung von Fahrstühlen, die Mitarbeit in Parteigremien, der Aushilfsjob am Fließband oder die letzte Kreuzfahrt – alle Beobachtungen, die hier gemacht werden, können zu Ausgangspunkten eigener Analysen werden. Der Call for Papers dieser sozusagen-Ausgabe macht es eindrücklich vor. Die Vorschläge „Wie beeinflusst das Internet unseren Alltag?“, „Warum zahlt man eigentlich freiwillig Trinkgeld?“, „Wie sähe eine Soziologie des Bahnfahrens aus?“ sind samt und sonders Fragen, die an Alltagserfahrungen anschließen.

Ein Gespräch mit einer Studierenden hat mir jüngst allerdings auch noch einmal verdeutlicht, warum es vielleicht tatsächlich wenig hilft, sich hier hinzustellen und die Ausbeutung eigener Alltagserfahrungen zu propagieren. Um im Bild zu bleiben: Dass die Themen auf der Straße liegen, ist das eine. Sie tatsächlich einzusammeln, das andere. Besagte Studierende fragte ich, warum sie sich denn für Organisationssoziologie interessiere. Sie interessiere sich gar nicht so richtig dafür, müsse aber irgendetwas belegen, antwortete sie überraschend offen. Stirnrunzeln meinerseits. Ob sie denn selbst ‚Organisationserfahrung‘ habe? Nein, gar nicht, meinte sie, ohne allerdings zu bedenken, dass sie seit einigen Semestern in einer Einrichtung, die man durchaus für eine Organisation halten könnte, eingeschrieben ist. Um es abzukürzen: Schließlich stellte sich heraus, dass sie unentgeltlich im Betrieb ihrer Eltern mitarbeitete. Über die Besonderheiten und Probleme von Familienunternehmen schreibt sie jetzt übrigens eine Hausarbeit. Für sie war allerdings überhaupt nicht klar, dass sie ihr Studium in dieser Weise mit ihrem Alltag verknüpfen kann und zögerte anfänglich auch eher. Diese Verknüpfung herzustellen scheint tatsächlich eine Hürde zu sein, um ein Thema, das vor einem liegt, auch tatsächlich einzusammeln.

Eine zweite Hürde ist wesentlich höher. Das Ziel dieser Ausgabe sei es, alltägliche Dinge, die uns oft selbstverständlich erscheinen, aus einem soziologischen Blickwinkel zu betrachten und Alltagsnormen sowie Routinen zu hinterfragen, heißt es im sozusagen-Call. Ja, genau! Aber darin liegt ja gerade die Schwierigkeit. Ziel ist ja keine alltägliche Betrachtung des eigenen Alltags, kein Alltagsalltag. Das kann man abends in der Kneipe machen. Ziel ist vielmehr eine soziologische Betrachtung, Alltagssoziologie. Es kommt daher auf die Art des Fragens an. Denn die Soziologie ist, Abbott deutet es an, nicht über einen bestimmten Gegenstandsbereich definiert. Soziologie ist eine besondere Form des Fragens, nämlich danach, wie ein sozialer Vorgang X funktioniert, ein soziales Ereignis Y entsteht oder sich ein sozialer Zustand Z reproduziert. Getrieben sind diese Fragen dabei nicht primär dadurch, X, Y oder Z zu beurteilen. Vielmehr geht es darum, X, Y oder Z schärfentief zu beschreiben, zu verstehen oder zu erklären.

Themen tatsächlich einzusammeln ist in dieser Sicht harte Arbeit, nämlich die Arbeit an Fragen, die zur Voraussetzung haben, sich ‚erstaunen‘ zu können. „Die Fähigkeit des Erstaunens über den Gang der Welt“, so betonte bereits Max Weber, „ist Voraussetzung der Möglichkeit des Fragens nach ihrem Sinn“. Man muss sich folglich über soziale Vorgänge, die man erlebt, über die man hört oder liest, wundern können, um soziologisch zu fragen und vermeintliche Selbstverständlichkeiten ‚aufzuknacken‘. Dann gelingt es auch, diese zweite Hürde zu überspringen. Die Voraussetzung ist eine gewisse empirische Naivität, wie es mein Kollege Sven Kette einmal treffend formulierte. Diego Gambetta hat besonders klare Vorstellungen davon, was eine soziologische Frage ist. In einer „puzzle bank” hat er ‚empirische Rätsel‘ gesammelt, mit denen er selbst Kurse gestaltet, um soziologisches Fragen zu lehren. „A puzzle is not just a general topic… It is a correlation which defies the expectations of common sense or the predictions of some theory.“ Er schlägt somit zwei alternative Wege vor, um sich zu erstaunen: Misstraue dem Alltagswissen! Bürste gängige Theorien und Thesen gegen den Strich! Jeder Person, die noch auf der Suche nach der eigenen zugleich orientierenden und motivierenden soziologischen Frage ist und dafür Vorbilder sucht, sei die Zusammenstellung der Rätsel wärmstens empfohlen.[2] Allein das Lesen der Beispiele macht Spaß: Wie lässt sich zum Beispiel erklären, dass in China einige Menschen auf Beerdigungen strippen?

Thomas Hoebel ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Organisationen der Fakultät für Soziologie. Zusammen mit seinen Kollegen Hannah Mormann und Sven Kette hat er jüngst einen Katalog an organisatorischen Fragen formuliert, der Bachelorstudierenden bei der Vorbereitung ihrer Bachelorarbeit unterstützen soll. Der Text ist – wie auch zahlreiche andere Hilfestellungen für Studierende – auf den Internetseiten des Arbeitsbereichs Organisationen abrufbar.


[1] Meiner Kollegin Hannah Mormann danke ich zum einen sehr für Ihre behutsame Kommentierung des Texts, zum anderen für die Hinweise auf die Originalzitate von Gregory Bateson und Max Weber.

[2] Die „puzzle bank“ ist auf Gambettas Homepage frei verfügbar: http://www.nuffield.ox.ac.uk/People/sites/Gambetta/Other Papers/Empirical puzzles for teaching and research.pdf (abgerufen am 27.12.2012)

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3 Antworten zu Die Themen liegen auf der Straße. Doch wie sammelt man sie ein? Über ein leidiges Problem studentischer Arbeiten

  1. Lebenskuenstler schreibt:

    Der Link mit der „puzzle bank“ ist leider tod. Haben Sie evtl. einen lebendigen?

  2. Zürich School of Management schreibt:

    Am Beispiel der Studierenden, die aus Verlegenheit Organisationssoziologie belegt hat und dann doch den Zusammenhang zu ihrem eigenen Leben völlig überraschend festgestellt hat, zeigt mir, dass Soziologie immer etwas mit uns selbst zu tun hat, bzw. zu tun haben kann. Das Leben ist das, was wir daraus machen, und zwar offensichtlich auf allen Ebenen. Man muss nur bereit sein, sich auf die eigene Soziologie einzulassen.

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