Die Krise des Wachstums- und Fortschrittsglaubens

Eine Skizze von Lukas Daubner

Nicht erst mit der Entwicklung der Atombombe und mit den für Mensch und Umwelt tödlichen Chemikalien kamen erste Zweifel daran auf, dass Fortschritt per se positiv ist. Aber diese einzelnen Dämpfer sollten den Fortschritts-Imperativ nicht aufhalten sich unaufhaltsam in die Köpfe, Labore und Werkshallen der Welt zu verbreiten. Denn: Ohne Fortschritt kein Wachstum! An dieses Axiom klammern sich Politik und Wirtschaft, und glauben sich jeder Kritik am Wachstumsdiktum und Fortschrittsglauben erhaben.

Hinter dem Wachstumsdiktum steckt zum einen die Idee, dass stetiges Wachstum mehr Jobs ermöglicht, und somit das goldene Ziel der Vollbeschäftigung in erreichbare Nähe rückt. Zum anderen der Glaube, dass mit immer neueren Technologien die hausgemachten Probleme der Menschheit lösbar, aber auch die Bezwingung der Natur möglich seien. Mehr Wissen, ergo neue, bessere Lösungen! (Dass Wissen gleichzeitig Nichtwissen, und somit neue Risiken generiert, wird konsequent nicht berücksichtigt).

Der Fortschrittsglaube impliziert die Vorstellung, dass sich die Gesellschaft einem – nicht näher definierten – Ideal annähert oder zumindest „besser“ wird. Es kann also nur besser, schneller, schöner, toller werden. Gerade weil Wachstum und Fortschritt in der Regel alternativlos dargestellt werden, muss man hier stutzig werden: Wer garantiert eigentlich dafür? Und wer gibt das Ziel vor? Ist diese fixe Idee nicht eine, die besser der Religion und ihren Heilsversprechen überlassen werden sollte? Wäre statt dem Festklammern an Wachstum und Fortschritt nicht eine reflexive Hinterfragung dieser Imperative angebracht?

„Seit den goldenen Jahren nach dem zweiten Weltkrieg, (…), haben wir uns daran gewöhnt, im Wachstum die Lösung aller Probleme zu sehen. Schrumpfen in jeglicher Form muss da als das Übel schlechthin erscheinen. Und dieses Denken ist institutionalisiert. Kapitalistisch und demokratisch verfasste Gesellschaften tun sich ganz besonders schwer, mit Schrumpfungsprozessen produktiv umzugehen.“ (Siebel 2009: 234).[1] Natürlich wird das Problem des Wachstums und seine wahrscheinlichen Grenzen in bestimmten Kreisen schon lange diskutiert. Allerdings mussten die Aktivisten der ersten Anti-Wachstumsbewegung in der 60er und 70er Jahren mit Repressionen und dem Vorwurf des Nestbeschmutzens leben. Nicht zuletzt Ereignisse wie Hiroshima, Tschernobyl, den Öl-, Wirtschafts- und Finanzkrisen haben dazu geführt, dass diese Zweifler nicht mehr geächtet und als Staatsfeinde gebrandmarkt werden, wenn sie den immer fortschreitenden Wachstum der Wirtschaft und Fortschritt der Gesellschaft anzweifelten. Der seit den 50er Jahren anhaltende Trend der schrumpfenden Wachstumsraten in allen „alten“ Industriestaaten ist ein für sich selbst sprechender Fakt.

Mit dem Bericht „Das Ende des Wachstums“ des Club of Rome 1972 wurde über potentielle Grenzen des Wachstums erstmals auf einer breiteren Basis diskutiert. Die Thesen, dass der Lebensstil der westlichen Welt die Ressourcen der Erde auffrisst und die Wachstumsraten, die zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Wirtschaft benötigt werden, nur auf Kosten der restlichen Weltbevölkerung zu haben sind, sollten sich teilweise bewahrheiten. Der wirtschaftliche und wissenschaftliche Mainstream zeigte sich von diesen Thesen jedoch zunächst unbeeindruckt.

Seit den 70er Jahren allerdings hat sich viel getan. In Deutschland waren die Grünen an der Regierung beteiligt, und Nachhaltigkeit gehört mittlerweile zum guten Ton. Die Ideen vom Wachstum und immer währenden (technischen) Fortschritt sind verschmolzen mit dem Gedanken, dass effizientere und intelligentere Technologien uns einen Weg aus dem Labyrinth der bestehenden Probleme bahnen können.

Die Idee ist vielversprechend. Ingenieure und Wissenschaftler konstruieren und bauen einfach bessere, also effizientere, Maschinen und retten so die Welt. Als Zugabe kann auch das bestehende Wachstums-Modell bestehen bleiben. Diese Idee findet auch gefallen bei den – mittlerweile – etablierten Grünen. Diese dürfen jetzt mitspielen und auch ins Wachstumshorn blasen. Denn jetzt sprechen wir ja von gutem, nämlich grünen, Wachstum. Es kann also wieder ohne schlechtes Gewissen aufwärts gehen.

Die Vertreter dieser Annahme scheinen aber einem Paradox aufzusitzen: Steigende Bevölkerungsraten und immer mehr Technik (jetzt zwar effizienter, aber dafür in weitaus größerer Zahl) und damit mehr schwierig zu recycelnden Schrott, und gleichzeitig endlichen natürlichen Ressourcen, machen der Hoffnung auf Weltrettung durch „grünes“ Wachstum wohl einen Strich durch die Rechnung.

Allerdings sind eine Gesellschaft und eine Wirtschaft ohne Wachstum schwer vorstellbar und somit auch schwer vermittelbar. Wir haben uns daran gewöhnt, alle gesellschaftspolitischen Probleme mit ökonomischem Wachstum zu beantworten (vgl. Siebel 2009: 231). Kein Wachstum wird mit Bedrohung gleichgesetzt. Denn, auf ein Haus mit Zentralheizung, Computer, Internet und ein großes Warenangebot in den Supermärkten wollen wohl die wenigsten verzichten. Aber müssten wir das denn?

Die pessimistische Antwort wird wohl lauten: Ja! Eine etwas optimistischere Haltung – und ein möglicher Lösungsansatz – geht von einem veränderten Umgang mit Wachstum aus. Ein Vertreter dieser Gedanken ist etwa Reinhard Loske, ehemaliger Grüner Bremer Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa.[2]
Er sieht nicht das Wachstum selbst als Problem, sondern das Diktat des Wachstums. In Loskes Diktion ist Wachstum weiterhin wichtig und nötig, die Art wie Gesellschaft damit umgeht aber eine andere. Unternehmen müssten zum Beispiel vom zwanghaften Druck zum Wachsen befreit werden. Dies könne etwa durch die Veränderung der Rechtsformen funktionieren (z.B. von einer AG in eine Stiftungsgesellschaft). Außerdem müsste es zu einem Umdenken beim Konsum kommen. Braucht wirklich jeder ein Auto? Oder wäre nicht für viele Carsharing eine Lösung? Die gleiche Frage kann auch in Bezug auf Wohnformen gestellt werden. Anstelle von Single-Haushalten und einsamen alten Menschen wären Wohngemeinschaften in verschiedenen Formen denkbar. Die Zunahme an Bürgergärten, Tauschringen und ähnlichem sind zwar nur zarte Ansätze, zeigen aber alternative Möglichkeiten des Lebens und des Wirtschaftens.

Eine überwiegend gesättigte Gesellschaft kann nicht nur von immer steigendem Konsum getragen werden. Dieser Gedanke schleicht sich mittlerweile auch bei einer wachsenden Zahl von Menschen ein. Sie merken, dass die Befriedigung ihrer Bedürfnisse durch Konsum sie – entgegen des kapitalistischen Versprechens – nicht glücklich macht. Hinzu kommt, dass bei den nur noch geringen Wachstumsraten, die Hoffnung auf ein Herauswachsen aus den Privat- und Staatsschulden nicht mehr realistisch ist. Genau aus diesen Gründen ist es wichtig, sich vorbehaltlos und mit möglichst wenig Ideologie diesen wichtigen Fragen der Zukunfts- und Lebensgestaltung zu stellen.

Die Vorstellung vom Fortschritt kann der Gesellschaft und ihren Mitgliedern wohl nicht genommen werden. Der Glaube daran scheint basal für unsere Kultur zu sein. Aber die Entkopplung von Fortschritt und Wachstum ist möglich. Zwar können sich diese Zukunft heute die wenigsten vorstellen, aber es herrscht nicht, so wie in früheren Zeiten, ein nahezu absolutes Denkverbot in diese Richtung. Vereinzelte Politiker, Wissenschaftler und Journalisten haben sich dem Thema Wachstumszwang angenommen. Die früher als Spinner und Staatsfeinde verschrienen sind also mitten unter uns. Fraglich bleibt, welche Voraussetzungen nötig sind, dass sich möglichst viele Menschen von diesen Gedanken irritieren lassen.

Weiterführender Lesetipp:
Harald Welzer: Mentale Infrastruktur
http://www.boell.de/downloads/Endf_Mentale_Infrastrukturen.pdf


[1] Siebel, Walter 2009. Chancen und Risiken des Schrumpfens und warum es so schwer ist, darüber zu diskutieren. In: Leviathan – Berliner Zeitschrift für Sozialwissenschaften. Nr. 37, S. 219-235

[2] Loske, Reinhard 2011. Abschied vom Wachstumszwang. Konturen einer Politik der Mäßigung. Rangsdorf bei Berlin: Basilisken Presse Loske, Reinhard 2012. Wie weiter mit der Wachstumsfrage? Rangsdorf bei Berlin: Basilisken Presse

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5 Antworten zu Die Krise des Wachstums- und Fortschrittsglaubens

  1. Fuhrwerker schreibt:

    Es würde sicher nichts schaden den Begriff des Wachstums einfach mal qualitativ zu definieren. DAs Bruttosozialprodukt als Definition ist eben veraltet, weil es z.B. das symbolische Kapital, die Kummunikationsleistungen als Teil der Wertschöpfungskette nicht erfasst, sondern eben nur „Produkte und Dienstleistungen“. Eine intellektuelle und kreative Leistung ist aber auch Wachstum, ein Wachsen an Ideen. Sich lediglich auf eine Kritik des Wachstums an sich soziologisch zurückzuziehen ist ein Kinderverhalten, auch die halten sich die Augen zu und glauben dann sie werden nicht gesehen. Die Krise des Wachstums als gesellschaftliche Zivilreligion nur immer wieder mit dem gleichen Vokabular zu beschreiben, liebe Freuden des akademischen Diskurses, das reicht als Sinnstiftung und Existenzbegründung nicht aus.

  2. Dennis Hodelini schreibt:

    Also aus wirtschaftspolitischen Sinn her möchte man Wachstum fördern, um letztendlich den Lebensstandard zu erhöhren. Denn ein steigendes und hohes BIP (also die Produktionsleistung einer Volkswirtschaft) impliziert aus dieser Sicht einen hohen Lebensstandard (Mankiw:2004). Wenn der Lebensstandard hoch ist geht es uns gut, also wir sind dann zufrieden. Das steckt dahinter. Der Lebensstandard ist besonders in den Industrienationen gewachsen, die Lebeszufriedenheit der Menschen in einigen Ländern (bspw. Deutschland, USA) jedoch nicht. Das heisst sogar selbst ein steigender Lebensstandard unterliegt einem abnehmenden Grenznutzen (–> Mikroökonomie). Vor allem in der westlichen Welt unterliegen wir dem Irrglauben materielle Wohlstand würde zufriedener machen. Einige Ökonomen haben das bereits verstanden und plädieren für andere Indikatoren als das BIP, wie bspw. der Happy Planet Index (New Economic Foundation), bei dem die Lebenszufriedenheit in die Berechnug einfliesst.

  3. Pingback: August 2012: The Club of Rome in International News and Blogs | THE CLUB OF ROME (www.clubofrome.org)

  4. Manuela schreibt:

    Fortschritt und Wachstum müssen aber nicht auf der gleichen Ebene betrachtet werden. Während das Wachstum gebremst werden kann und sollte, muss man sich dem Fortschritt, der zum Wohle des Planeten und all seiner Bewohner dient, nicht Verschließen Ein Fortschritt für die Menschheit war zum Beispiel die Erfindung des Buchdrucks von Gutenberg. Mit ihr war das Monopol esoterischen und wissenschaftlichen Wissens der Priesterklasse ans Ende gelangt. Damit ging ebenfalls ein Wachstum einher, doch war dieser keine Maxime politischer und unternehmerischer Verbände und Einrichtungen, sondern nur eine Konsequenz. Heutzutage ist Wachstum – natürlich nur wirtschaftlicher – und Fortschritt die ultimative Klausel fast aller Partei- und Unternehmensprogramme. An einen Stopp mag erst gar nicht gedacht werden, auch wenn die Menschheit auf diese Art unweigerlich sich selbst in den Abgrund manövriert. Alle ethischen und moralischen humanitären Grundlagen sind nur noch Fußnoten in den Wachstumsprogrammen.

  5. markus greif schreibt:

    Wenn wir von „Fortschritt“ reden reden wir von etwas, was für uns und unsere kulturelle Tradition etwas Selbstverständliches und Unangreifbares ist.
    Die Verquickung mit der Warenwelt, unsere existentielle Verbundenheit mit dem monastischen System gibt uns keine Möglichkeit qualitativ anderes zu denken als in diesen quantitativen Zusammenhängen.

    Dass wir damit „Fortschritt“ wie ein „Glaubenssatz“ begreifen zeigt an, aus welchem Gebiete diese unerbittliche Beharrlichkeit und „Gläubigkeit“ kommt.

    Das die Welt im linearen Fortschreiben zu begreifen sei ist im historisch-philosophischen Kontext erst seit 400 n. Chr. durch Augustinus eingeführt worden und geht auf das zentrale Heilsereignis, nämlich auf das Erlössungswerk Christus zurück, der „ein und für alle mal“ für die Sünden der Menschen gestorben ist.
    Würde man danach zyklisch die Welt beschreiben, würde man sich an dieser zentralen Botschaft versündigen.

    Sowohl die Griechen, besonders die Pytagoräer, als auch die Juden hatten ursprünglich Schöpfungs- und Weltmythen, die von (wiederkehrenden) Prozessen ausgehen.
    z. B. steht im Urtext nicht : „Am Anfang…“ sondern „Im Anfang…“ also eine episodenhafte Erzählung unter Anderen schon laufenden…
    Es gibt somit kein auszumachenden Anfang und somit auch kein Ende und somit auch keine Eile des Fortschrittes.

    Ziel ist die Verknappung der Zeit und damit die Einführung der Abhängigkeiten des Einzelnen ob zu Kirchen, Staaten oder Marktsystemen ist nur eine Frage der geschichtlichen Zeit…

    Alle die sich über den „Fortschritt“ erhitzen bekennen sich als derart „gläubig“ bei noch so gebetsmühlenartigen Bekenntnissen zum A-theismus oder anderen -ismen.

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