Der Bossa-Nova-Effekt – Warum der Alkohol uns so gesellig macht

Erschienen in unserer aktuellen Ausgabe „Alltagssoziologie“

von Michael Grothe-Hammer

Alkoholkonsum bei geselligen Anlässen hat den gleichen Effekt wie der Bossa Nova im bekannten Lied von Manuela („Schuld war nur der Bossa Nova“). Sobald Alkohol im Spiel ist, kann man enthemmt Spaß haben und am nächsten Tag alles mit dem Rausch entschuldigen.. Das funktioniert, weil die Kopplung an die eigene Person beim Betrunkenen gelockert ist: Er war’s zwar, aber nicht wirklich. In der Folge entstehen „peinliche“ Ereignisse am laufenden Band, die als Themen für gesellige Interaktionen in Gruppen fungieren. Ein soziologischer Blick auf die enthemmende Wirkung von Alkohol.

Im aktuellen Spot der Kampagne „Alkohol? Kenn dein Limit!“1 werden drei Suffgeschichten erzählt, die böse enden. Damit das Ganze auch hipp aussieht, läuft alles rückwärts und in Zeitlupe ab. Zu Beginn des Films gibt es sogleich den üblichen Toten: Ein Junge rast ins Jenseits, diesmal mit dem Fahrrad. Danach prügeln sich zwei Freunde. Zu guter Letzt stürzt eine junge Frau und begießt sich mit Prosecco. Kommentiert wird der Sturz per Texteinblendung: „Sie blamiert sich total.“Ob etwas Perlwein auf dem Kleid zur totalen Blamage führt, sei dahingestellt. Ganz offensichtlich aber haben die Initiatoren den Sinn des Alkoholkonsums nicht erfasst. Denn: Darum geht’s doch!

Der ein oder andere mag bei der geschilderten Szene denken: Wo ist das Problem? Für manch anderen wäre die Party vielleicht sogar langweilig, wenn niemand hinfällt oder verprügelt wird. Prügeln, Rumsauen, Stürzen sind schließlich all zu oft die üblichen Bestandteile einer „gelungenen“ Feier. Hinzu kommt: Was wäre die aktuelle Party ohne die Geschichten von der letzten? Die Story über den Kommilitonen, der oberkörperfrei auf den Teppich gekotzt hat, sorgt schließlich auf jeder Feier wieder für Erheiterung.

Die Affinität zu Alkohol ist entsprechend ungebrochen. Zwar verzeichnet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung einen minimalen Rückgang bei jugendlichen Trinkern (vgl. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2011), dennoch gehört der Alkohol nach wie vor fest zum gesellschaftlichen Alltag und zu geselligen Anlässen. Vor allem das sog. „Rauschtrinken“ erfreut sich recht konstanter Beliebtheit.

Die bekannte Alltagserklärung für diesen Umstand dürfte jedem geläufig sein: Alkohol enthemmt, besoffen lässt sich besser feiern. Tatsächlich wirkt Alkohol aber eher andersherum: Er putsch nicht auf, sondern macht eher müde (vgl. ex. Czichos 2010; Arnedt et al 2011). Auch seine angeblich enthemmende Wirkung im Gehirn ist nicht unumstritten (vgl. ex. Paulus 2007). Warum glauben trotzdem alle, dass Alkohol locker macht?

Die Enthemmung

Ob Alkohol im Gehirn wirklich eine enthemmende Wirkung hat, ist gar nicht entscheidend. Viel wichtiger ist, dass alle um die vermeintlich enthemmende Wirkung „wissen“. Und noch wichtiger: Alle wissen, dass alle es wissen. Der Effekt: Wer besoffen ist, kann ganz „verrückte“ Dinge machen wie Küssen, Tanzen oder Grölen. Interessant wird das Ganze am nächsten Morgen: Wie beim Bossa Nova kann man die Verantwortung für sein Verhalten weitestgehend dem „Rauschmittel“ zuschieben. Dieser Effekt tritt meist sowohl in der Selbstbeschreibung auf (‚Ich habe nur nackt auf dem Tisch getanzt, weil ich betrunken war‘) als auch in der Fremdbeschreibung (‚Der hat das nur gemacht, weil er besoffen war – eigentlich ist der ganz anders‘).

Aufschlussreich ist, was in beiden Fällen stattfindet: Die Trennung von „Akteur“2 und Person. Und so hat der Betrunkene dieses Verhalten zwar gezeigt und es ist ihm eindeutig zuordenbar, trotzdem rechnet man es ihm als Person nicht zu. Wenn nicht auf eine Person an sich, aber dennoch auf einen „Akteur“ zugerechnet wird, spricht man auch vom Bereich der „Unperson“ (vgl. Luhmann 2005). Eine solche Zuordnung geschieht auf einen „Akteur“, aber eben auf den „Teil“ des Akteurs, der nicht Person ist. Unter dieser sog. „Unperson“ kann man alles einordnen, das man einer Person eigentlich nicht zurechnen würde, das diese aber dennoch getan hat: Handlungen unter Zwang, psychotische Schübe, sexuelle Freizügigkeit im Urlaub (der zählt ja bekanntlich nicht) oder eben besoffenes Verhalten. Diese Praxis findet vor allem im Rechtssystem Anwendung: in Form von Unzurechnungsfähigkeit oder Strafminderung.

Der Grad der Trennung von „Akteur“ und Person ist oftmals graduell. Wer besoffen ist und nackt auf dem Tisch tanzt, kann sein Verhalten vermutlich ganz gut der Unperson zuordnen, während Fremdgehen zumeist nur schlecht durch Alkoholkonsum entschuldbar ist (es sei denn vielleicht, Urlaub und Alkohol kommen zusammen…). Dennoch eröffnen sich insbesondere unter Leuten, die sich regelmäßig sehen, ungeahnte kommunikative Möglichkeiten, denn die Suff-Ereignisse lassen sich langfristig verwerten.

Der Aufbau einer gemeinsamen Geschichte

Wenn Menschen auf Partys zusammenkommen, müssen sie zwangsläufig miteinander reden. Die entstehenden geselligen Interaktionen haben dabei das ständige Problem, dass Themen gefunden werden müssen, um die Interaktion aufrechterhalten zu können. Das stellt Gruppen, die sich regelmäßig zu solchen Veranstaltungen zusammenfinden (z.B. in Schützenvereinen, kleinen elitären Studiengängen oder Kegelclubs) vor Probleme. Irgendwann kennen sich alle und jeder weiß, wo der andere herkommt und was er im Leben geleistet hat. Wenn dann auch noch allgemeinere Themen wie Fußball oder das Dschungelcamp zur Neige gehen, kommt der Bossa-Nova-Effekt wieder ins Spiel.

Damit sind wir zurück beim Prügeln, Rumsauen, Stürzen. Da man im alkoholisierten Zustand abweichendes Verhalten zeigen kann, ohne die eigene Person zu gefährden, entstehen Ereignisse: Leute stürzen (oder fallen manchmal auch einfach um), tanzen auf dem Tisch und knutschen die eigentlich verhasste Kommilitonin. Eine praktische Eigenschaft dieser so entstandenen Ereignisse ist, dass man sie immer wieder erzählen kann. Der Trick ist entsprechend einfach: Wenn man bei der nächsten Party nicht mehr weiß worüber man reden soll, redet man über die „verrückten“ Szenen der letzten Party (oder von der davor). Um es mit den Worten eines Schützenvereinsmitgliedes zu sagen3:

Wodrüber man sich da unterhält? Ja über vieles. Ist unterschiedlich. Weiß ich nicht. (…) Ja hier, weißt du noch letztes Jahr, da war das und das. Dann ist der da irgendwo hingefallen.“

Und da die betreffenden Leute betrunken waren, muss es ihnen nicht einmal peinlich sein (auch wenn einige gerne so tun, bevor sie dann wenig später auf dem nächsten Tisch das Tanzbein schwingen…). Der gewollte Nebeneffekt ist der Aufbau einer gruppeneigenen Geschichte, was man gut an Formulierungen wie „weißt du noch?“ erkennen kann. Diese Geschichtsschreibung dient im Weiteren dazu, sich als Gruppe Außenstehenden gegenüber abgrenzen zu können. Die können schließlich nicht mitreden, sondern nur zuhören.4

Die alkoholbedingte lose Kopplung von „Akteur“ und Person ermöglicht also die Generierung von „peinlichen“ Ereignissen (die aber niemandem wirklich peinlich sein müssen) und sorgt dadurch für einen konstanten Nachschub an Themen für die gesellige Partyinteraktion in Gruppen, die dadurch ihre eigene Geschichte und somit Identität aufbauen können. Man könnte von Systembildung sprechen, demselben Effekt also, den angeblich auch der Bossa Nova hat: Im Lied findet die enthemmte Protagonistin Jane einen Mann und bekommt anschließend zwei Kinder. Auch ein Akt der Systembildung.

Anstatt vermeintliche „Peinlichkeiten“ in Werbespots aneinanderzureihen, müsste eher adäquater Ersatz für den Alkohol gefunden werden, und zwar nicht für den Rausch, sondern für seine sozialen Funktionen. Diese könnte man sicher auch anders erfüllen, nämlich durch funktionale Äquivalente (siehe Kasten) oder, besser noch, einen gesellschaftlichen Wandel. Dann würde die eingangs erwähnte Kampagne ihre Ziele vielleicht tatsächlich erreichen. Anstelle eines übertriebenen Alkoholrausches reicht letztlich bestimmt etwas so harmloses wie der Bossa Nova, um einmal reuelos aus der Rolle fallen zu können.

Literatur:

Arnedt, J. Todd; Rohsenow, Damaris J.; Almeida, Alissa B.; Hunt, Sarah K.; Gokhale, Manjusha; Gottlieb, Daniel J.; Howland, Jonathan 2011: Sleep Following Alcohol Intoxication in Healthy, Young Adults: Effects of Sex and Family History of Alcoholism, in: Alcoholism: Clinical and Experimental Research 35 (5), S. 870‐878.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 2011: Der Alkoholkonsum Jugendlicher und junger Erwachsener in Deutschland 2010 – Kurzbericht zu Ergebnissen einer aktuellen Repräsentativbefragung und Trends, Köln: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung

Czichos, Joachim 2010: Wenn Alkohol müde macht, WWW-Dokument, http://www.wissenschaft-aktuell.de/artikel/Wenn_Alkohol_muede_macht__Gen_schuetzt_vor_Abhaengigkeit1771015586825.html (Abruf vom 19.03.2012)

Kieserling, André 1999: Kommunikation unter Anwesenden, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Luhmann, Niklas 1994: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, in: Derlien, Hans-Ulrich (Hg.): Systemrationalität und Partialinteresse – Festschrift für Renate Mayntz, Baden-Baden: Nomos, S. 189-201

Luhmann, Niklas 2005: Die Form „Person“, in: ders.: Soziologische Aufklärung 6, 2. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Paulus, Jochen 2007: Von wegen Promillesünder – Alkohol enthemmt? Nicht unbedingt. Unter Umständen mahnt er sogar zu besonderer Vorsicht!, in: Gehirn & Geist 9_2007

1Zu sehen hier: https://www.kenn-dein-limit.info/index.php?id=265 (Abruf vom 19.03.2012)

2Systemtheoretisch korrekt müsste es natürlich „Adresse“ lauten. Aber da selbst Luhmann (vgl. 1994: 191) zu Gunsten der Verständlichkeit den Akteursbegriff benutzt, werde ich dies hier auch tun.

3Der Ausschnitt stammt aus einem Interview, das ich im Rahmen einer anderen Untersuchung geführt habe.

4Zu den Funktionen von Themen in Interaktionen und dazu, dass sie sozial exklusiv wirken siehe: Kieserling 1999: 185f&193ff)

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