Auf der Suche nach guter Hochschulpolitik: Hochschulrektorenkonferenz benötigt Upgrade ihrer Politik

Ein Kommentar von Rainald Manthe

Der neue Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) will die Hochschulen im Hinblick darauf evaluieren, ob sie ihren Aufgaben als Universität oder Fachhochschule gerecht werden. Tun sie dies in besonderem Maße oder kaum, winken up- bzw. downgrade auf die jeweils andere Hochschulform. Dies ist aus mehreren Gründen kritisch: Erstens handelt es sich um (qualitativ) unterschiedliche Hochschultypen, nicht um bessere oder schlechtere Hochschulen. Wenn Hochschulen ihren Aufgaben nicht gerecht werden können, liegt dies zuvorderst an einer mangelnden Grundfinanzierung. Zweitens führt eine erneute flächendeckende Evaluation unweigerlich zu Effekten, welche die Hochschulen davon abhalten, ihren eigentlichen Aufgaben gerecht zu werden. Die HRK sollte vielmehr, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, die Hochschulen dabei unterstützen, ihren Kernaufgaben gerecht zu werden. Eine Umfrage unter den Hochschulen, welche Mittel dazu notwendig sind und wie die HRK sie unterstützen kann, wäre zeitgemäß.

Die Hochschulrektorenkonferenz versteht sich als „die Stimme der Hochschulen“[1]. Horst Hippler, der neu gewählte Präsident der HRK, glaubt an Exzellenz und an die wunderbare Wirkung einer stärkeren Ausdifferenzierung des deutschen Hochschulsystems. Nach einer umfassenden Untersuchung durch den Wissenschaftsrat möchte er Fachhoschulen mit ‚exzellenten’ Forschungsleistungen zu Universitäten upgraden – und Universitäten mit mangelhaften Forschungsleistungen zu Fachhochschulen downgraden. Dieser Idee liegt ein hierarchisches Verständnis beider Hochschultypen zugrunden: Oben die forschungsstarken Universitäten, die nebenbei auch lehren (müssen), unten forschungsschwache Fachhochschulen, die vor allem Lehre betreiben. Doch dieses Bild ist falsch, wie auch der Sprecher der Fachhochschulen in der HRK, Teuscher bemerkt. Er verweist darauf, dass Fachhochschulen andere Forschung betreiben würden, welche stärker anwendungsorientiert sei als die an Universitäten.[2] Das macht sie nicht zu schlechteren Hochschulen, es handelt sich nur um einen anderen Hochschultyp. Können Hochschulen ihren Aufgaben nicht gerecht werden, so liegt dies an einer mangelnden (politisch gewollten!) Grundfinanzierung. Dass diese nicht in den Blick gerät und behoben wird, ist eine Folge einer starken ‚Exzellenz’-orientierung aktueller Hochschulpolitik.

Untersuchen soll der Wissenschaftsrat die ‚Leistungen’ der Universitäten auf Grundlage quantitativer Vergleiche. Variablen sollen alle 4592 Studiengänge an den 318 deutschen Hochschulen vergleichbar machen. Qualitativ unterschiedliches soll quantitativ vergleichbar gemacht werden. Dabei ist die Produktion solcher Zahlen eine höchst voraussetzungsvolle Angelegenheit, die in vermeintlich vergleichbaren Zahlenwerten suggerierte Vergleichbarkeit ist meist gar nicht gegeben (vgl. Heintz 2010, Speich 2010).

Wird einmal an diese Zahlen geglaubt, so führt dies im Hochschulwesen zu perversen Effekten. Espeland und Sauder (2007) haben in ihren Studien zur Wirkung von law-school Rankings gezeigt, dass der Kampf um höhere Positionen im Ranking keineswegs zu einer tatsächlichen Verbesserung der Lehre (Forschung wurde nicht gewertet) geführt hat. Vielmehr wurden verschiedene Strategien angewandt, um die eigene Position im Ranking zu verbessern, unter Anderem die Schaffung völlig sinnloser Stellen, die Manipulation der eigenen einzureichenden Werte, oder das Durchschleusen von Studierenden ohne fundierte Ausbildung, aber mit exzellenten Abschlussnoten. Dazu kommt, dass für die Profilierung in Rankings massive Stellenumwidmungen stattfanden, also Arbeitszeit von den Kernaufgaben der Colleges weggenommen wurde. Ähnliches lässt sich an deutschen Universitäten bereits zur Erfüllung von Sonderaufgaben wie der Sicherstellung von Interdisziplinarität, Internationalität und Ähnlichem feststellen. Weniger Arbeitszeit also für Forschung und Lehre, ohne jedoch qualitative Verbesserungen zu erreichen: Damit ist also bei einer solch groß angelegten Untersuchung zu rechnen.

Die HRK – die Stimme der Hochschulen – sollte sich stattdessen auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: Die Vertretung der Hochschulen nach außen und damit dem Streben nach besseren Bedingungen für alle Hochschulen. Um dies zu erreichen, sollten sich nicht einzelne Personen mit ihren Ideen, gespickt mit persönlichem Sachzwangglauben, profilieren. Vielmehr sollte die HRK die Hochschulen groß angelegt befragen, was ihre dringendsten Bedürfnisse sind und was sie dazu benötigen. Eine Befragung ganz ohne Zahlen, und mit geringem Aufwand und großer Wirkung.

Literatur

Espeland, W. N., und M. Sauder, 2007: Rankings and reactivity: How public measures recreate social worlds. American Journal of Sociology 113: S.  1-40.

Heintz, Bettina, 2010: Numerische Differenz. Überlegungen zu einer Soziologie des (quantitativen) Vergleichs. Zeitschrift Fur Soziologie 39: S.  162-181.

Speich, Daniel, 2011: The use of global abstractions: National Income Accounting in the Period of Imperial Decline. Journal of Global History 6: S.  7-28.

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