Lese-Tipp: „Der Sudoku-Effekt“ von Stefan Kühl

Wozu braucht man eigentlich Studiengangskoordinatorinnen und Qualitätsmanager für Studiengänge? Und wie kommt es zu Verschulungseffekten in den neuen Studiengängen?

An den Universitäten wird viel geklagt und der Schuldige ist schnell gefunden: die Reformen der europäischen Hochschulen und die dahinter steckende Ideologie gelten als die Quellen allen Übels. Es fallen die Stichworte „Bachelor- und Masterstudiengänge“, „Leistungspunkte“ (LP) und „Neoliberalismus“. Oft ist man jedoch ratlos, wenn es um eine Erklärungen der zu beobachtenden Tendenzen geht, wenn man also „Ursache“ und „Problem“ zusammenbringen muss. Jetzt liegt ein Erklärungsansatz in Buchform vor (für einen schnellen Überblick gibts auch ein Working Paper). Wenn man demnächst erklären muss, wie es denn zu vielen der problematischen Entwicklungen an der Hochschule kommen konnte, gibt es endlich eine griffige und trotzdem tragfähige Antwort: „Na ganz einfach, das liegt am Sudoku-Effekt!

Studienkoordinator gesucht!

Zum Einstieg eine kleine Beobachtung: Betrachtet man das aktuelle Berufsangebot für Sozial- und Geisteswissenschaftler etwas aufmerksamer, fällt auf, dass es seit einiger Zeit einen relativ neuen Typus von Stellen gibt, nämlich jene im Bereich der Studiengangsverwaltung. Gesucht wird etwa Personal für folgende Stellen:

  • „Mitarbeiter/-in in der (Re-)Akkreditierung“ (von Studiengängen)
  • „Studienkoordinator/in“
  • „2 Mitarbeiter/innen für die Studiengangskoordination“
  • „Qualitätsmanager/in“ für Studiengänge
  • „Angestellte/r im Bereich Studienreform“
  • „Wissenschaftliche/r Mitarbeiter für die Evaluation von Lehre und Studium“

(Einen aktuellen Überblick über den relevanten Stellenmarkt bietet das Magazin „arbeitsmarkt. Bildung / Kultur / Sozialwesen“.)

Bürokratisierung und Verschulung an den Hochschulen

In seiner Streitschrift  „Der Sudoku-Effekt – Hochschulen und der Teufelskreis der Bürokratie“ geht der Bielefelder Organisationssoziolge unter anderem der Frage nach, wie es nun zu der Entstehung bzw. Zunahme von Stellen in diesem Bereich kommt. Ein weiteres wichtiges, und damit verwobenes Thema, ist die Frage, wie es in im Zuge der Reform der Hochschulen zur „Verschulung wider Willen“ der Studiengänge kommen konnte, die sowohl Studierenden als auch Lehrenden ein Begriff sein dürfte. Stefan Kühl diskutiert hier insbesondere die „Renaissance des Frontalunterrichts“, die „Prüfungsinflation“, sowie die eingeschränkten Wahlmöglichkeiten bei der Gestaltung des Studiums (4. Kapitel).

Ausgehend von empirisch relativ leicht nachzuvollziehenden Beobachtungen wird gefragt, wie es im Rahmen der Reform des Hochschulwesens zu den erwähnten Problemen kommen konnte. Zu den offiziellen, wohlklingenden Zielen der Bologna-Reform gehören Bürokratisierung und Verschulung jedenfalls eindeutig nicht. Unter dem einprägsamen Begriff des „Sudoku-Effektes“ wird nun beschrieben, wie es zu den unerwünschten Folgen der BA- und MA-Studiengänge kommt.

Die Entkopplung von inhaltlicher und rechnerischer Gestaltung der Studiengänge

Die Überlegung ist, dass kleine, vielleicht gut gemeinte Änderungen zu weitreichenden Folgen führen: Insbesondere durch das ECTS-Punkte-System – also die berüchtigten Leistungspunkte, die die Studierenden seit einigen Jahren ‚erwerben‘ müssen – komme es zu einer bedeutenden Komplexitätssteigerung innerhalb der Studiengänge sowie dem Einzug einer neuen Denklogik – mit „ungewollten Nebenfolgen“. Diese könne man sowohl bei der Planung der Studiengänge beobachten als auch bei der Gestaltung des Studiums durch die Studierenden selbst.

Wie genau wirken sich diese Leistungspunkte nun aus? Zu sehen sind die Effekte etwa bei der Planung neuer Studiengänge (bzw. bei ihrer Reform): man müsse nicht mehr nur überlegen, wie diese inhaltlich aufgebaut sein sollen, zusätzlich sei darauf zu achten, dass schließlich alles auch „zahlenmäßig aufgeht“. Jeder der in irgend einer Form mal mit einer Reform zu tun gehabt hat, wird ein Lied davon singen können (ich erspare euch meins).

Klar ist: in diesem Rechnen steckt der Wurm – und das Ergebnis endloser Punktedebatten ist in der Regel ein Kompromiss, mit dem niemand so recht zufrieden ist. Die Schwierigkeit ist, dass die inhaltlichen Überlegungen zu Veranstaltungen und Prüfungsformen (Seminaren, Vorlesungen, Essays, Hausarbeiten, Klausuren) mit Leistungspunkten verknüpft werden müssen und es besteht darüber hinaus ein Zwang, diese bereits verknüpften Elemente (Veranstaltungstyp/Leistungsform + Punkte) wiederum mit bestimmten Modulen und Profilen zu verknüpfen. Da raucht einem schnell der Kopf. Insbesondere die Module führen – wie die Kästchen beim Sudoku – zahlreiche Einschränkungen mit sich. Allein die Tendenz, die Module überall gleich groß zu machen schränkt ein, was in ihnen möglich ist. Nur ein völlig banales Beispiel: 3-Stündige Seminare (inhaltlich in einigen Fällen sinnvoll!) sind in diesen stark standardisierten und verregulierten Zusammenhängen kaum möglich, weil hinterher entweder eine Stunde/ein Punkt zu viel im Modul-Kästchen ist oder ein Punkt zu wenig – es sei denn, man erschafft im selben Modul eine Veranstaltungsform, die nur einstündig ist – schon ist man beim Sudoku-Spielen. Und nicht mehr beim inhaltlichen Gestalten der Lehre. Zusätzlich motivieren einzelne Module oftmals sehr spezifische Modulbeschreibungen, die die Rigidität des Ganzen abrunden.

Diese Einschränkungen sind nicht nur für die inhaltliche Planung ein Problem, sie gelten natürlich genauso für die Studierenden: die Kombinationsmöglichkeiten von Seminaren werden (ohne dass dies beabsichtigt ist) stark reduziert. Gerade an kleinen Fakultäten lässt sich beobachten, dass die Wahlmöglichkeiten durch diese Tendenzen Richtung null gehen, weil die Lehrkapazitäten geradeso genügen, alle Module mit wenigstens einem oder zwei Seminaren zu füllen.

Die Folge beim Studiengangsbasteln ist also ein Rechnen und Herumschieben von Zahlen, stark entkoppelt von dem, was die Zahlen eigentlich repräsentieren sollen – eben wie beim Sudoku, nur nicht ganz so lustig (obwohl nicht ausgeschlossen werden soll, dass im Gehirn der Reformer Glückshormone ausgeschüttet werden, wenn man es endlich geschafft hat, genau auf die vorgeschriebene Gesamtpunktzahl zu kommen und dabei alle Einschränkungen zu berücksichtigen). Und die Folge bei Studierenden ist – ganz ähnlich – die Auswahl von Seminaren entlang von Modulen und Profilen, was das inhaltliche Interesse stark einengt: „Hier fehlt mir noch ein Seminar, dort noch eine Vorlesung, in diesem Modul noch 3 Punkte, da noch 5…“

Die „Dauerreform“ der Hochschule

Ein zentrales Argument ist also, dass in dieser Rechen- bzw. „Leistungspunktlogik“ inhaltlich gut durchdachte Studiengänge im Prinzip kaum möglich, bzw. durch die damit einhergehenden Einschränkungen extrem erschwert werden – was schließlich aus verschiedenen Gründen zu einem Reformzyklus vieler Studiengänge führt. Da man jedoch die Rahmenbedingungen für eine Reform nicht ändern kann, bringen die neuen Sudoku-Rechnereien auch bei 2., 3. und 4. Mal keinen optimalen Studiengang hervor.

Die Einrichtung von eigens mit Reformen und der Studiengangskoordination beschäftigten Stellen (siehe oben) ist vor diesem Hintergrund jedenfalls nicht mehr verwunderlich und es scheint allen Anlass zu geben, dies wie Kühl einen „Teufelskreis“ zu nennen: Durch die Reformen, das zeigt die Erfahrung, entstehen oft keine besseren Studiengänge, sondern viele  komplizierte Studiengänge, die eine ganze Zeit parallel nebeneinander herlaufen.  Das lehrende Personal durchschaut und überblickt das entstehende Gewirr komplexer Parallelstrukturen schließlich genau so wenig, wie die Studierenden selbst.

Wer also verstehen will, warum die mit wohlklingenden Zielen gestartete Bologna-Reform in ihrer Eigendynamik zu so problematischen „Nebenwirkungen“ führen konnte – ohne dass dies von den Beteiligten beabsichtig ist – dem sei ein Blick in den „Sudoku-Effekt“ sehr empfohlen. Zu hoffen ist, dass dieses Buch nicht nur von Reformgegnern, sondern gerade auch von Hochschulgestaltern gelesen wird. Denn die Streitschrift liefert durchaus positive Anregungen für eine sinnvolle Gestaltung von Studiengängen und Rahmenstrukturen. Ob der Teufelskreis der Reformen durchbrochen werden kann, wird darüber hinaus das aktuelle Master-Reformprojekt an der Uni Bielefeld zeigen. Drei Stündige Veranstaltungen wären zwar immer noch nicht möglich, aber immerhin wird die Rigidität von Modulen auf inhaltlicher Ebene aufgehoben – vor allem durch Verzicht auf spezifische Modulbeschreibungen. Wir halten euch auf dem Laufenden!

von Alexander Engemann

Literatur: Stefan Kühl (2012): Der Sudoku-Effekt. Hochschulen und der Teufelskreis der Bürokratie. Transcript-Verlag.

Bilder: Buchcover, Gestaltung durch Kordula Röckenhaus, (c) Transcriptverlag

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2 Antworten zu Lese-Tipp: „Der Sudoku-Effekt“ von Stefan Kühl

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