Alternativvorschlag zum neuen Namenskonzept des Campus der Uni Bielefeld

Die Uni Bielefeld hat ein neues Namenskonzept für das Campusgelände (update: aktuelle Version) entworfen, welches vor allem eine Umbenennung aller umliegenden Straßen beinhaltet (kein Witz!). Wir haben einen Alternativvorschlag – mit noch mehr „System“!

Das neue Namenskonzept des Bielefelder Campus‘ sorgt für Irritation unter den Studierenden und man macht sich im Allgemeinen, sofern der Humor dazu beim Studieren noch nicht abhandengekommen ist, darüber lustig. Langzeitstudent Klaus scheint entgeistert: „Sind die jetzt völlig durchgeknallt?!“ Auch Ersti Maja, die nach ihrem ersten Semester Psychologie endlich in der Uni „angekommen“ ist, ist zunächst unsicher als sie von dem Vorhaben erfährt, fängt dann aber hysterisch an zu lachen, als sie realisiert, dass man es mit dem Namenskonzept tatsächlich ernst meint.

Wir jedoch sind begeistert von der Grundidee! Da wir aber die konkrete Ausarbeitung als durchaus fragwürdig betrachten, hat die sozusagen selbst ein „Kreativ-Team“ ins Rennen geschickt und ein neues Namenskonzept ausgearbeitet, mit dem wir uns nun, in Konkurrenz zum „Steuerungskreis Campus Marketing“ beim Stadtentwicklungsausschuss bewerben werden: der letzten Instanz, die auf dem Weg zum neuen Namenskonzept noch überwunden werden muss.

Da die aktuelle Arbeit an der neuen Druckausgabe der sozusagen jedoch so personalintensiv ist, war leider nur ein Redaktionsmitglied – gleichzeitig Autor des Artikels – für diese Aufgabe freistellbar. Doch das Ergebnis, so der Tenor, kann sich sehen lassen.

Insgesamt ist die Erstellung eines solchen Konzeptes, das zeigt die Erfahrung unseres Kreativ-Teams, eine sehr schöne, meditative Arbeit: „Es hat einfach Spaß gemacht“, heißt es einstimmig. Absolut verständlich, dass das mit uns konkurrierende Kreativ-Team des Uni-Marketings unter der Leitung von „Leibnitz-Preisträger Prof. Dr. Martin Carrier“ (auch eine Möglichkeit, einem schwachen Konzept Tiefsinn zu verleihen) so begeistert von dieser Aufgabe war: raus aus dem öden philosophischen Denkalltag, hinein ins Marketing-Konzeptbasteln. Da kommt einem das träge, reflexive, wissenschaftliche Denken endlich mal abhanden, und wird durch wirre Gruppendynamik sowie entfesselte Kreativität mehr als kompensiert.

Zum Konzept: „Der Campus als soziales System“

Zum Vergrößern aufs Bild klicken!


Durch das alternative Konzept soll die Grundidee – die Herstellung einer „eigenständigen Identität“ (Rektor Prof. Dr. Gerhard Sagerer) – mit aller Konsequenz verfolgt werden: Die Uni Bielefeld wird als soziales System konzipiert und mit entsprechenden Begriffen der soziologischen Systemtheorie Niklas Luhmanns beschrieben. Zudem sollen ein Platz sowie eine Straße nach Luhmann ernannt werden. Auch ein Monument in seinem Gedenken ist vorgesehen: vor der sich im Neubau (ENUS) befindlichen soziologischen Fakultät, das versteht sich. Niklas Luhmann, der erste an der Uni Bielefeld berufene Professor, hat schließlich eine explizite Erwähnung im Namenskonzept verdient. Im Vorschlag des konkurrierenden „Kreativ-Teams“ um Prof. Dr. Martin Carrier ist leider nur „Soziales Feld“ als genuin soziologischer Begriff vorgesehen, der auch noch von einem Soziologen stammt, der mit der Identität des Campus nichts zu tun hat. Das ist nicht tragbar!

Die Wahl eines systemtheoretischen Vokabulars erschien zudem sinnvoll, da nur dieses eine hinreichende Eigenkomplexität versprach, um den größten zusammenhängenden Campus Europas zu erfassen. Darüber hinaus ist der pädagogische Wert unermesslich: das Konzept ließe sich natürlich noch viel weiter ausreizen. Beispielsweise ließen sich die so genannten „Zähne“ bzw. Fakultäten des Campus‘ mit Funktionssystemsemantik beschreiben (bisher nur „Subsystem“), um die Relevanz von Recht, Wirtschaft, Gesundheit, Erziehung und Religion hervorzuheben. In den Fakultätsgängen der entsprechenden Reflexionswissenschaften könnten pädagogisch wertvolle Infotafeln mit Zitaten aus Luhmanns Werk nur so aus dem Boden sprießen. Die Universität würde so ihrer eigentlichen Bestimmung als „Systemtheoriehochburg“ einen Schritt näher kommen. Da die Zeit jedoch drängt, muss es bei diesem skizzenhaften (gleichwohl sehr überzeugenden) Gegen-Entwurf bleiben.

Darüber hinaus schlagen wir vor, die Voltmannsstraße, die Wertherstraße sowie weitere umgrenzende Straßen in „Systemgrenze“ umzubenennen und Zäune zur Markierung derselben zu errichten. In diesem Zusammenhang sollen die umliegenden Gebiete der Universität konsequent mit der „Umwelt“-Terminologie belegt werden, damit die Differenz des Campus-Systems zu seiner Umwelt noch schärfer gelingt und die eigenständige Identität als soziales System von niemandem mehr angezweifelt werden kann. Die zahlreichen „Kommunikations-Wege“ um das Unigebäude herum belegen die Lebhaftigkeit des sozialen Systems „Campus“, welches sich selbstverständlich nur über Kommunikation erhalten kann.

Die Inklusion der Fachhochschulen ins (wissenschaftliche!) Campus-System lehnen wir aus ersichtlichen Gründen der Praxisnähe ab. Auf die FH-Bezeichnungen wollen wir daher keinen Einfluss nehmen und haben sie unverändert belassen. Die FH-Mensa darf als lose angekoppeltes System jedoch noch zur Universität zugehörig bleiben. Auch die Laborschule darf mit dem Campus verwoben bleiben, um dort den wissenschaftlichen Nachwuchs autark reproduzieren zu können (denn auch Soziologie ist als Schulfach wählbar!).

Auch wenn wir Sympathie für die Frauenparkplatzbenennung im konkurrierenden Namenskonzept haben und „Forschungslücke“ als guten Ansatz betrachten, haben wir uns für die Beobachtungstheoretische Begrifflichkeit „blinder Fleck“ entschieden. Wir hoffen, dass wir damit der zu Recht empörten Frauenfraktion entgegenkommen, die Widerspruch gegen die Umbenennung des Frauenparkplatzes in „Forschungslücke“ erhoben hat.

Partizipation? – Fehlanzeige!

So ein Projekt, das bemerkte auch unser „Kreativ-Team“, wächst einem einfach wirklich rasch ans Herz, sodass es nun nachvollziehbar ist, warum auch beim konkurrierenden Kreativ-Team des Uni-Marketings auf breite Partizipation der Studierendenschaft verzichtet wurde: die Anderen reden einem das alles doch nur mies! Wir entschuldigen uns daher, dass auch bei diesem Konzept einer kompletten Neubeschreibung des Campusgeländes auf die Partizipation der 18.000 Studierenden verzichtet wurde. Macht‘s doch besser – so wie wir!

Euer sozusagen-Kreativ-Team,

Alexander Engemann

ps: In der SoSe 2012 Ausgabe gibt es einen Namenskonzept-Artikel mit vielen Hintergründen von Michael Grothe-Hammer, sowie das Alternative Namenskonzept als Poster (letzteres natürlich nicht in der PDF).

(c) Bild: Nutzung des Straßenplans mit freundlicher Genehmigung von Bielefeld Marketing, Bearbeitung: Alexander Engemann / verarbeitetes Foto: Niklas Luhmann, copyright Pressestelle Uni Bielefeld.

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3 Antworten zu Alternativvorschlag zum neuen Namenskonzept des Campus der Uni Bielefeld

  1. mgrothe schreibt:

    Mir fehlt noch eine Helmut Schelsky- Gedenktafel 😀

  2. Pingback: Zum Campus-Namenskonzept: die sozusagen ist 2x in den Medien | sozusagen

  3. Pingback: “Fundstück”: Carrier erklärt das Namenskonzept | sozusagen

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