Gott zum Gruße – In Passau lernt man gegenseitige Geringschätzung

Eine Kolumne von Michael Grothe-Hammer

In einer Passauer Schule werden die Schüler demnächst „zurechtgewiesen“, wenn sie „Hallo“ statt „Grüß Gott“ sagen. Das „Hallo“ sei unhöflich. Da müssen das ZDF und ein Großteil der Weltbevölkerung wohl nochmal die Schulbank drücken…

Im Supermarkt begrüßt man mich mit einem freundlichen „Hallo“. Facebook beginnt seine E-Mail-Benachrichtigungen mit „Hallo Michael“. Und das ZDF bringt täglich „Hallo Deutschland“. Dass ich mich bisher nicht daran gestoßen habe, muss an meiner schlechten Erziehung liegen. Zum Glück wird dies in Passau jetzt anders. Die dortige Mittelschule St. Nikola wurde von der Rektorin zur „Hallo- und Tschüs-freien Zone“ erklärt. Schüler, die eines der beiden Wörter benutzen, werden nun von den Lehrern zurechtgewiesen und sollen stattdessen „Grüß Gott“ und „Auf Wiedersehen“ sagen. Begründung: „Hallo“ und „Tschüs“ seien unhöflich.

Das bayerische Kultusministerium unterstützt diese Entscheidung: „Es ist ein positives Signal der Wertschätzung.“ Aha, Wertschätzung also. Das „Hallo“, jene Grußformel, die sich in abgewandelter Form auf Spanisch, Englisch, Russisch und anderen Sprachen global etabliert hat, ist demnach ein Ausdruck weltweiter Geringschätzung seiner Mitmenschen? Allein an dieser Stelle sollte man sich schon ernsthafte Sorgen machen, wer da eigentlich Kinder lehrt.

Aber dass diese Kinder nun dazu angehalten werden, allen Christen, Moslems, Buddhisten, Hindus, Hellenisten oder Atheisten ein ordentliches „Grüß Gott“ entgegenzuschmettern, ist dann schon ein starkes Stück. Bayerische Tradition hin und her, Schülern aller Glaubensrichtungen beizubringen, jeden anderen mit einem monotheistischen Gottesgruß zu begegnen, mag ja vieles sein, aber bestimmt kein Signal gegenseitiger Wertschätzung. Zwar dürfen die Schüler auch auf ein „Guten Morgen“ zurückgreifen, wenn es nun gar nicht anders geht. Aber was hilft das, wenn alle anderen ihnen das erzwungene „Grüß Gott“ entgegnen? Denn der vermeintliche Gruß entpuppt sich als Imperativ. Wer so begrüßt wird, der soll vor allem eines tun: den Gott grüßen.

Und so handelt es sich wohl eher um ein Signal provinzieller Ignoranz und (wenn man in der traditionalistischen Schiene argumentieren wollte) eine Beleidigung der langen deutschen Tradition der allgemeinen Religionsfreiheit, die sich schon in der Weimarer Verfassung findet. Wenn man im bayerischen Kultusministerium und an dieser ominösen Schule schon Kulturgut bewahren will, dann doch bitte im Hinblick auf die eingeforderte gegenseitige „Wertschätzung“ und ohne die Beschneidung der freien Wahl der Grußformel. Von den beispielsweise mehr als 20 Millionen Atheisten im Land, wohnen schließlich bestimmt auch Manche in Passau und gehen vielleicht sogar auf die St. Nikola Schule. Die ist nämlich schon seit 1970 eine sog. Gemeinschaftsschule, also für Schüler aller Bekenntnisse geöffnet.

Bleibt nur zu hoffen, dass das bayerische Kultusministerium nicht demnächst auf die Idee kommt, vom sittenverfallenen ZDF die Umbenennung von „Hallo Deutschland“ in „Gott zum Gruße“ zu fordern. Schließlich hat das ZDF ja einen Bildungsauftrag.

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7 Antworten zu Gott zum Gruße – In Passau lernt man gegenseitige Geringschätzung

  1. Jörg B. schreibt:

    In diesem Artikel versteckt sich ein kapitales Missverständnis:
    „Denn der vermeintliche Gruß entpuppt sich als Imperativ. Wer so begrüßt wird, der soll vor allem eines tun: den Gott grüßen.“
    Diese Aussage ist schlichtweg falsch, denn „Grüß Gott“ ist eine verkürze Form des Segenswunsches „Grüß dich Gott“ und damit mit Nichten ein Imperativ.
    Ähnlich verhält es sich übrigens mit dem saloppen „Servus“, mit dem man das Gegenüber keineswegs zum Sklaven degradiert, sondern vielmehr mit einem „zu Diensten“ wertschätzt.

  2. mgrothe schreibt:

    Vielen Dank für diesen konstruktiven Hinweis. Ich bin mir dessen tatsächlich durchaus bewusst. Allerdings geht es mir ja eben nicht um sprachliche Ursprünge, sondern um das heutige Verständnis. Und da mag ein alter Bayer vielleicht noch wissen, wo „Grüß Gott“ mal herkam. Übriggeblieben ist trotzdem nach heutiger Sprachnutzung ein Imperativ, der von vielen so verstanden wird. Ein gutes Beispiel dafür ist im übrigen das „Tschüs“: Das hat einen ähnlichen religiösen Ursprung, den man (sehr offensichtlich) auch weitgehend vergessen hat.

  3. Alex schreibt:

    Wäre mal interessant zu wissen, wie die Schüler damit umgehen – ist ja erstmal ein komisches Vorhaben: in Sprachgewohnheiten steuernd hineingreifen zu wollen. Machen sich die Schüler darüber lustig und denken „jetzt erstrecht: HALLO“? Ist die Mehrheit sowieso „Grüßgott“-sozialisiert und werden nun diejenigen (mit Legitimation!) gemobbt, die ihre Schulkameraden mit einem „Hallo“ begrüßen (sei es aus Gewohnheit, sei es aus Verträumtheit)? Lässt sich diese Sprachregelung letztendlich tatsächlich durchsetzen? Ich glaube es ja eher nicht – mit dem „Arschloch“-Verbot und anderen Schimpfwörtern klappt es jedenfalls meines Wissens nach nicht – wenigstens nicht auf dem Schulhof 😉

  4. Jörg B. schreibt:

    Naja, als jemand der in Bayern „sozialisiert“ wurde kann ich sagen, dass man dort unter „grüß Gott“ vor allem eines versteht: Eine freundliche, dennoch höfliche Begrüßung, analog zum „guten Tag“. 🙂

    Worauf ich vor allem hinaus will ist: Von einer verrückten Idee auf eine allgemeine „provinzielle Intoleranz“ zu schließen finde ich hier eher unpassend – letztendlich trägt es damit nur zu dem klassischen Nord-Süd-Konflikt bei, den ich als im Norden lebender Bayer selbst regelmäßig zu spüren bekomme und der meiner Erfahrung nach nur all zu oft auf Unkenntnis (oder schlimmer: Nicht verstehen wollen) beruht und mit Diskriminierung und Vorurteil geführt wird.

    Daher würd ich gerne die Frage in den Raum werfen: Wäre die Empörung ähnlich groß, wenn eine Oldenburger Schule das „Hallo“ zugunsten des „Guten Tag“ abschaffen würde? 🙂

    • mgrothe schreibt:

      Die Empörung wäre genauso groß, nur die Verwunderung wäre noch größer 🙂 . Den „Nord-Süd-Konflikt“ wollte ich hier bestimmt nicht aufmachen. Ich spreche ja auch nicht von „den Bayern“, sondern von der „Rektorin“, dem „bayerischen Kultusministerium“ und der Schule „in Passau“. Und die „provinzielle Intoleranz“ wird, wie Sie ja selber bemerkt haben, gar keiner Allgemeinheit untergeschoben.

  5. Arne schreibt:

    Was denkt sich die Rektorin dabei, wenn sie meint sie könne die alltäglichen Gepflogenheiten ihrer „Untergebenen“ derart kontrollieren? Solche totalitären Machtphantasien wecken bei mir Assoziationen an Zeiten, in denen deutschlandweit eine bestimmte Grußform vorgeschireben war…
    In diesem Sinne ist „provinzielle Intoleranz“ noch untertrieben: Ich finde das geht eher in Richtung „autoritärer Größenwahn“!

  6. Christian Rechholz schreibt:

    Etwas zu verordnen finde ich auch eher problematisch. Sich wieder auf alte Grußformeln und regionale Eigenheiten zu besinnen jedoch sehr sinnvoll. Aus dem ganzen Beitrag spricht mir doch sehr viel Intoleranz und Unverständnis. Ich darf vermuten, der Autor stammt aus Norddeutschland?

    Selbst gebürtiger Berliner aber nun in Franken beheimatet, finde ich die unterschiedlichen Grußformeln schützenswert, genauso wie ein Moin Moin an der Küste. Gerade in einer globalisierten Welt, sind regionale Verwurzelungen sehr wichtig. Und auch den Dialekt an sich sollten wir wieder mehr pflegen.

    Ich selbst versuche jedenfalls vom „Hallo“ wegzukommen, ebenso vom „Tschüss“. Wir haben soviele schöne Grußformeln im südlichen Raum, die nicht aussterben sollten und die auch in vielen Ohren viel freundlicher klingen. „Grüß Gott“, „Ade“, „Pfiat Di“, „Griaß Di“, „Baba“ auch ein italienisches „Ciao“ finde ich da schöner als ein „Tschüss“.

    Mein Lieblingswort lautet „Servus“. Das kann als Begrüßung und als Verabschiedung benutzt werden. Und die Leute sind meisten gleich viel freundlicher gelaunt. Ärgerlich finde ich, wie immer mehr Firmen, also auch im süddeutschen Raum ansässige, ihre Mitarbeiter dazu anhalten, am Telephon oder Schalter mit „Guten Tag“ zu grüßen. So einen Einheitsbrei braucht es nicht. Und was den Hinweis auf den Gottesbezug angeht, bis auf „Hallo“ enthalten diesen alle Grußformeln. Wir müssen auch nicht verbergen, daß wir aus einem Land mit christlichen Wurzeln stammen. Selbstverleugnung hat nichts mit Toleranz zu tun.

    In diesem Sinne

    Servus

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