Der Weihnachtsmann ist ein Sadist – Über die Tücken des Schenkens

von Alexander Engemann

Weihnachten steht vor der Tür und in Deutschland werden wieder Milliarden in Geschenke und Verpackung investiert. Der Weihnachtseinkaufshorror ist für meisten hoffentlich überstanden, aber das Schlimmste kommt noch: Die Übergabe – die Entscheidung über den Erfolg oder das Misslingen des Geschenks. Schenken ist nicht leicht. Aber warum eigentlich? Eine Soziologie des Schenkens.

Das Video zeigt auf amüsante Weise die dunklen Seiten des Schenkens. Schenken kann total misslingen. Bei Kindern kann man noch sehr gut beobachten, wenn ein Geschenk nicht gefällt: Die völlige Irritation, die ablehnenden Reaktionen, Tränen und Geschrei sind deutliche Zeugnisse. Solche Reaktionen sind bei Kindern natürlich noch eher erwartbar als bei Erwachsenen, die sich bereits auf eines, so gut es geht, eingestellt haben: Ein gelungenes Geschenk ist nicht unbedingt die Regel, Enttäuschungen hingegen durchaus wahrscheinlich.

Sicher: Es gibt solche, die sehr gern schenken und auch ohne größere Anstrengung immer das Richtige finden. Aber besonders zu Weihnachten, wenn wir gleich in mehrere reziproke Schenkpflichten eingebunden sind – die auch noch an einem Termin fällig werden –, dreht die eine oder der andere in der letzten Woche vor Weihnachten auch gern mal durch. Als ob es nicht schwierig genug ist, nur einer Person etwas zu schenken. Was beim Partner oder der Partnerin noch einigermaßen funktionieren mag, wird spätestens bei Verwandten und Bekannten schwierig.

Die innere Unruhe der Menschen wird in den letzten Tagen innerhalb der Einkaufszonen fast zu einem emergenten Wesen, welches man sich vermutlich am besten als eine Chimäre aus Georg Heyms dämonischem Gott der Stadt und dem Weihnachtsmann vorstellen muss. Der Weihnachtsmann ist ein Sadist! Erst verankert er sein Mythos des Schenkens zu Weihnachten als etwas, das nur erlebt werden muss, also passiv geschieht, in der Psyche der Kinder: Der Weihnachtsamann verteilt die Geschenke, man bekommt etwas und muss höchstens eine Wunschliste schreiben. Dann lässt der Weihnachtsamann den aufgeklärten, erwachsenen Menschen, um es mal zugespitzt und philosophisch zu formulieren, auf sich selbst zurückgeworfen in der Welt: Man muss schon selbst für die Geschenke sorgen. Na toll. Der fette Mann mit weißem Bart bleibt als ein Hirngespinst zurück, dessen Blicke den Menschen aus jeder Kaufhausecke dämonisch anstarren; das weihnachtsmannsche „Ho-ho-ho!“ ist reine Häme.

Aber woran liegt das eigentlich? Warum ist das Schenken so kompliziert und oft aufreibend, dass einige Menschen bei der Suche nach dem richtigen Geschenk geradezu einen Nervenzusammenbruch bekommen? So schön Schenken im Einzelnen, im gelungenen Fall zu sein scheint: das moderne Schenken hat seine Tücken, ja sogar seine dunklen Seiten, die allzu oft vergessen werden. Schenken, so die These, muss zunächst als ein Problem betrachtet werden.

2. Eine kleine Geschichte des Schenkens[1]

Früher war, wie so oft, alles einfacher. Naja: Früher war Schenken jedenfalls, ganz vereinfacht gesagt und zugespitzt, keine interindividuelle, sondern vor allem eine kollektive Praxis, um Reichtum und sozialen Status zu demonstrieren. Indianerstämme übertrafen sich in einer Schenkspirale durch unsinnige Geschenke, um ihre kulturelle Überlegenheit und ihren Reichtum deutlich zu machen; der Adel veranstaltete Feste, deren einzige Funktion in der rauschenden Verschwendung von Geld zu bestehen schien. Um Prahlerei und Selbstdarstellung durch Verschwendung ging es beim ‚vormodernen‘ Schenken also vor allem.

Die Tücken bestanden früher darin, überhaupt die Ressourcen zum Schenken zu besitzen – denn Schenken erfordert Eigentum – und darin, sich zu ruinieren ohne sich dabei zu ruinieren. Paradox genug. Aber doch, wie wir sehen werden, von entschieden anderer Qualität, als das moderne, interindividuelle, private Schenken: Dieses konzentriert sich in romantisch-verklärter Weise vor allem auf den Beschenkten als Subjekt, dem eine Freude gemacht werden soll.

Dazu kam es aber erst mit der Industrialisierung und dem Aufstieg des Bürgertums: Schenken war nun nicht mehr nur eine Sache des Adels und der Oberschicht. Die bisher nebensächliche Form des „romantischen“ Schenkens wurde zur vorherrschenden, mehr und mehr schichtübergreifenden Praxis, die nun interindividuell verlief. Komplementär entwickelte sich im 19. Jahrhundert eine Geschenkeindustrie. Sie spezialisierte sich zunächst auf das Weihnachtsfest, welches zunehmend zu einem privaten Familienfest wurde, wobei insbesondere die Kinderbescherung eine besondere Rolle spielte: Neben der Süßwarenindustrie war vor allem auch die Spielzeugindustrie geboren. Das Angebot war natürlich noch auf die „klassischen“ Dinge, Holz- oder Zinnsoldaten bzw. Puppenhäuser und Blockflöten etc. reduziert, also recht überschaubar – bis sich das Angebot massiv ausdifferenzierte.

Man kann an dieser Stelle festhalten, dass eine der Tücken des modernen Schenkens darin besteht, eine gewaltige Auswahl von Geschenkmöglichkeiten zu haben. Seit den 50er Jahren nimmt dieses Problem geradezu exponentiell zu, womit wir bereits einen Faktor markiert haben, der gelungenes Schenken zu einem Problem macht: Wählt man etwas aus einem Riesenangebot aus, weiß der Beschenkte, dass man auch etwas völlig anderes, besseres, schöneres ausgewählt haben könnte. Und es ist fast tragisch: Derjenige, der sich besonders viel Mühe bei der Geschenkrecherche gibt, wird mit fortlaufender Dauer nicht klüger, sondern zunehmend mit Unsicherheit belastet. Mehr und mehr Optionen tauchen auf, die vor dem Hintergrund des (meist spärlichen) Wissens über den Empfänger als funktional äquivalent erscheinen. Soll man die blaue oder die rote Vase wählen? Piraten-, Ritter- oder Star Wars-Lego? Das eine oder das andere Buch – eine DVD? Oder etwas basteln? Konventionen helfen hier oft nicht mehr weiter.

3. Misslungenes Schenken – ein paar Beispiele

Das kurze Video war bereits eine kleine Einstimmung: Doch Schenken kann in vielerlei Hinsicht misslingen. Da ist zunächst einmal, ganz unsoziologisch, die Gefahr, dass der Beschenkte das Geschenk schon besitzt – trotz der gewaltigen Auswahl an Geschenkoptionen kommt das vor.

Da ist aber auch das als völlig unnütz, unpassend oder sogar hässlich empfundene Geschenk, welches unangetastet in einer Schublade verschwindet, weiterverschenkt oder schlimmstenfalls weggeworfen wird. Da ist das Geschenk, welches dem Beschenkten zur großen Last werden kann, weil der Schenkende eigentlich erwartet, dass das (unnütze, unpassende, hässliche) Geschenk zur Schau getragen, verwendet, gemocht wird; besonders problematisch ist das in Intimbeziehungen. Eine pinke Krawatte, gestrickte Socken, kratzige Pullis sind die albernen Beispiele dafür.

Und da ist das verletzende Geschenk, welches auf der Mitteilungsebene eine unbeabsichtigte Aussage in den Raum stellt, die sogar Beziehungen zwischen Personen in Frage stellen kann, weil der Beschenkte denkt: „die kennt mich ja gar nicht“ oder „so viel (oder besser: so wenig) bin ich dem also Wert“. Eine Tücke des Schenkens ist also, dass Geschenke soziale Beziehungen symbolisieren oder im Sinne von Erving Goffman „tie signs“ darstellen: Man muss dem anderen nicht einfach nur etwas schenken, es muss auch ‚beziehungsadäquat‘ sein. Man kann man seiner Partnerin Dessous schenken, für ihre Mutter ist ein solches Geschenk schon weniger empfehlenswert. Und wenn ein Geschenk misslingt, so ist das nicht nur für den Beschenkten ein Problem, sondern auch für den Schenkenden. Es kann zum Beispiel zur beschämenden Erkenntnis misslungener Geschenke kommen. Dies nur als Beispiele – die Liste ist weiter fortführbar.

4. Das fundamentale Problem des Schenkens: Unwissen und (doppelte) Kontingenz

Ein soziologischer Ansatz zur Markierung der Tücken des Schenkens ist die ganz banale, aber nicht zu vernachlässigende Tatsache, dass unser Gegenüber (welches wir in diesem Fall beschenken wollen) im Prinzip eine sogenannte „black box“ ist: Sein Verhalten ist unvorhersehbar und wir wissen zunächst nur Rudimentäres über seine Wünsche. Wir wissen auch nicht, wie er oder sie auf dieses oder jenes Geschenk reagieren wird, müssen das also schlichtweg als kontingent betrachten. Es kann so kommen oder auch anders, gelingen oder auch nicht. Die Überzeugung, man kenne „genau das richtige Geschenk“ ist eine Fiktion.

Zusätzlich (und besonders zu Weihnachten) kommt hinzu, dass wir nicht wissen, was unser Gegenüber „zurückschenkt“. Das Problem: bei gleichzeitigem Schenken finden unweigerlich Vergleiche statt – auch wenn wir das gern verdrängen – sofern diese Vergleichsmöglichkeiten nicht durch Gehaltsunterschiede abgeschwächt werden (so zwischen Eltern und Kindern). Man kann nun versuchen zu antizipieren, was sich der andere wünscht, man kann versuchen zu antizipieren, was wohl der andere zurückschenkt und ob das eigene Geschenk in diesem Licht adäquat erscheint. Man kann also die Perspektive des anderen in die eigene integrieren: „Was könnte er oder sie mir schenken?“ oder „Welchen (materiellen oder ideellen) Wert wird das Geschenk wohl haben?“

Es bleiben natürlich immer nur Denkmöglichkeiten; wie letztendlich entschieden und reagiert wird, ist und bleibt kontingent. Die Enttäuschungsmöglichkeit hängt wie ein Damoklesschwert über den Beteiligten. Selbst, ja gerade wenn der Schenkende die Perspektive des anderen in die eigene einbaut und zu einer Handlungsgrundlage macht: (Doppelte) Kontingenz ist, als Grundproblem alles Handelns, eine zentrale Quelle für Unsicherheit. Vielleicht ist das gelungene Geschenk bereits deswegen ein so schönes Ereignis: man kann damit nicht rechnen.

5. Die These der Unwahrscheinlichkeit gelingenden Schenkens

Das beim modernen Schenken geforderte „sich in den anderen hineinfühlen“ ist also eine handfeste Zumutung: Beim Schenken heißt das ja zunächst nichts anderes, als – möglichst ohne Kommunikation (!) – herauszufinden, was der oder die andere sich wünscht. Oder noch komplizierter: sich natürlich am besten gleich ein solches Geschenk einfallen zu lassen, von dem der zu Beschenkende noch gar nicht weiß, dass er sich dieses überhaupt wünscht. Damit ist das Schenken schon fast auf der Stufe mit dem Erraten der Gedanken eines anderen, die er noch gar nicht hat. Na, wenn es weiter nichts ist.

Man sieht nun in der Praxis und auch an den oben bereits genannten Beispielen: Schenken misslingt oft genug. Jeder nehme sich nach Weihnachten einmal die Zeit, die gegebenen und empfangenen Geschenke darauf hin zu prüfen, welche nun eher gelungen oder eher misslungen sind: Eine empirische Untersuchung hierzu wäre durchaus interessant. Ich vermute, dass Geschenke insgesamt eine überraschend hohe „Durchfallquote“ haben (obwohl Vorkehrungen getroffen werden, über die wir noch sprechen werden).

Ein guter Indikator für die Problematik ist auch die Beobachtung, dass immer häufiger Fälle auftreten in denen man sich wenigstens vornimmt, sich gegenseitig nichts zu schenken. Frei nach einem empfehlenswerten Aufsatz von Luhmann lässt sich jedenfalls feststellen, dass Schenken als eine Handlung bzw. eine Kommunikation angesehen werden muss, die zunächst einmal unwahrscheinlich ist.[2] Besonders gilt das für den „Erfolg“, also in diesem Fall: Dass das Geschenk angenommen wird, und zwar begleitet von Dank und Freude des Beschenkten. Dass es zu ehrlich gemeinter Dankeskommunikation kommt, die an das Geschenk anschließt.

Diese nun breit ausgeführte Reformulierung des gelingenden Schenkens als Unwahrscheinlichkeit, als Problem, erlaubt auch danach zu fragen, welche ‚Mechanismen‘ es in der Gesellschaft – oder konkreter: In Freundschaftsbeziehungen oder Familien – gibt, diese Unwahrscheinlichkeiten in Wahrscheinlichkeiten zu transformieren und die Probleme lösen. Welche Mechanismen gibt es also, die die Unwahrscheinlichkeit gelingenden Schenkens reduzieren und eventuelles Misslingen erträglicher machen?

6. Problemlösungsmechanismen: Wunschkommunikation, Dankespflicht, das Schweigen über misslungenes Schenken und ‚risikoarme‘ Geschenke

Der einfache, irgendwie geächtete aber doch relativ prominente Weg der Problemlösung ist natürlich die direkte Frage: „Was wünschst du dir eigentlich so zu Weihnachten?“ – indirekte Kommunikation ist hier nur sehr schwer möglich. Nun ist die direkte Frage zwar eigentlich schon eine dezente Form der Kapitulationserklärung gegenüber dem idealisierten Schenken; aber man meidet erfolgreich das handfeste Risiko des blinden Schenkens.

Dann gibt es, ganz ähnlich, die altbekannten Wunschlisten: Besonders bei Kindern beliebt, werden Zettel mit utopisch vielen Wünschen überfrachtet (und, damit es nicht ganz so dreist wirkt, immerhin noch mit aus Buntstift gemalten Tannenbäumchen und Sternen verziert). Der Vorteil solcher Listen: es gibt immerhin noch eine ‚Restüberraschung‘; denn es bleibt unklar welche Wünsche erfüllt werden. Der Nachteil: Die Kontingenz kommt wieder deutlicher ins Spiel; es kann beobachtet werden, dass man auch anders von der Wunschliste hätte schenken können, z.B. die Play-Station anstelle des günstigeren Gameboys.

Ein universeller Problemlösungsmechanismus ist die Dankespflicht; Dank ist bei Geschenken nicht optional, sondern eigentlich obligatorisch. Er wird erwartet. Wer auf Dank verzichtet, legt im Prinzip den Grundstein für einen Konflikt. Zumindest die schöne weihnachtliche Stimmung dürfte von der Peinlichkeit eines gründlich misslungenen Geschenks bzw. der misslungenen Kommunikation überschattet werden. Da Schenken so riskant und kompliziert ist und das Misslingen gut möglich ist, heucheln wir zur Not oft einfach die Freude: „Danke, das ist aber schön!“

Es gibt aber nicht nur ein Gebot (zu danken) sondern auch ein Tabu: Man spricht kaum über misslungene Geschenke, auch später nicht, zumal der Beschenkte mit seiner geheuchelten Freude in Konsistenzzwänge gerät. Ist einmal gedankt worden, kann man nicht später einfach mit der Feststellung ankommen: „Irgendwie ist das Geschenk doch nicht ganz so toll, kann man das noch umtauschen…?“

Hier ist gleich noch auf eine weitere Tücke des Schenkens hinzuweisen: Die erwartete Gefühlsarbeit seitens des Beschenkten. Diese dürfte gerade für die nüchterneren Zeitgenossen eine Zumutung darstellen – obwohl es bei diesen dann wiederum nicht so stark auffällt, wenn sie sich mal nicht so freuen; der Schenkende kann es dann immerhin dem „Charakter“ des Beschenkten zuschreiben und muss die fehlende emotionale Freude nicht auf sich selbst bzw. die misslungene Geschenkauswahl beziehen.

Man schweigt also über misslungene Geschenke in der Regel, ein ganz einfacher Problemlösungsmechanismus, der uns das Misslingen schnell vergessen lässt. Dieser Mechanismus ist jedoch ebenfalls nicht ganz ohne eigene Tücken. Er markiert das problematische Kommunikationsdefizit beim Schenken: Jede Kommunikation kann scheitern, aber üblicherweise greifen kommunikative Reparaturmechanismen. Man korrigiert, verständigt sich, lernt aus Fehlern. Beim Schenken greift so etwas kaum. Das unliebsame Geschenk landet eher still in der Schublade und wird verdrängt.

Schließlich gibt es noch einen inflationär genutzten Problemlösungsmechanismus: Die risikoarmen Geschenke. Besonders Bücher oder DVDs eignen sich hier, aber auch Genussmittel, etwa Alkohol und Schokolade. Bücher und DVDs haben einen entscheidenden Vorteil: Die Geschenksituation (also die Übergabe/das Öffnen) ist vom totalen Misslingen verschont: Man weiß oft noch gar nicht, ob man das Buch miserabel oder gut findet. Man kann also noch nicht mit Sicherheit sagen, ob das Geschenk gelungen ist oder nicht, also ob der Geschmack getroffen wurde; solche Geschenke entlasten in jedem Fall das Maß an geheucheltem Dank: Vielleicht ist das Buch ja wirklich interessant. Aber natürlich können sich solche risikoarmen Geschenke nicht ganz von der mit ihnen verbundenen „Kreativlosigkeit“ lossagen; sie eignen sich nicht für jede Gelegenheit, besonders nicht in der extremen Form von Gut- oder Geldscheinen. Gerade solche Geschenke werden deshalb auf ihre eigene Art und Weise wieder riskant, auch wenn ich persönlich ein großer Freund davon bin.

7. Verlernen wir das Schenken?

Der notorische Miesepeter Theodor W. Adorno vertritt in seiner Minima Moralia (Adorno 2003) quasi eine „Verlernthese“: „Die Menschen verlernen das Schenken“, behauptet er in seinem ganz gut lesbaren Aphorismus „Umtausch nicht gestattet“ (Volltext).

So recht überzeugt die These aber nicht, auch wenn der Aphorismus sonst interessant sein mag. Und selbst wenn wir das Schenken verlernen – viel zentraler ist, dass das moderne, individualisierte und ins Private verrückte Schenken eine Zumutung an das Individuum darstellt, die es früher so gar nicht gab. Schenken hat seine Tücken, wird zunehmend komplizierter und wir müssen vermutlich einfach lernen, damit umzugehen. Das heißt eben auch: mit Enttäuschungen umgehen lernen.

Die Soziologie kann hier immerhin helfen zu zeigen, wo der Schuh drückt. Dies ist jedenfalls ein Anspruch der vorliegenden Reflexion. Es kann sich aus soziologischer Perspektive lohnen, das Schenken zunächst als Problem zu betrachten. Denn hat man sich einmal die Tücken des Schenkens vergegenwärtigt, weiß man immerhin, dass Enttäuschungen ein Teil des Schenkens sind, sie sind in dieser Form in der sozialen Praxis geradezu vorprogrammiert. Man sollte das vielleicht locker nehmen und doch mal darüber sprechen. Denn ist ein Geschenk ‚misslungen‘, ist vielleicht auch der Schenkende froh, wenn er es umtauschen kann und somit einen neuen Versuch gewinnt; ein verschmähtes, mit Schweigen verhülltes Geschenk ist jedenfalls selten eine empfehlenswerte Problemlösung.

Wie auch immer: die sozusagen wünscht Euch ein frohes Fest und natürlich viele gelungene Geschenke. Und falls nicht, wisst ihr jetzt hoffentlich genauer, warum Geschenke auch mal nicht gelingen können: der Weihnachtsmann ist ein Sadist. Ho-Ho-Ho!

Literaturangaben:

Adorno, Theodor W. (2003): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Surkamp Verlag: Frankfurt/M.

Luhmann, Niklas (2001): Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation, in: Aufsätze und Reden. Reclam Verlag

Schmied, Gerhard (1996): Schenken. Über eine Form sozialen Handelns. Leske + Buderich.


[1] Näheres dazu vgl. Schmied 1996: 11ff.

[2] Niklas Luhmann (2001): „Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation“. Es wäre durchaus interessant, die Unwahrscheinlichkeitsthese ausgiebig für das Schenken durchzuargumentieren, würde hier jedoch zu weit führen.

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3 Antworten zu Der Weihnachtsmann ist ein Sadist – Über die Tücken des Schenkens

  1. vert schreibt:

    ein schöner artikel. interkulturell möchte ich noch den fokus auf das phänomen des danaergeschenks lenken (z.b. der thailändische „weiße elefant“, es müssen ja nicht immer pferde sein;-): schenken um zu ruinieren….

    • Alex schreibt:

      In der Tat – Schenken ist ein interessantes Phänomen. Zu Weihnachten sind Danaergeschenke aber hoffentlich nicht so verbreitet 😉
      Obwohl: in einigen Familien kann man sicherlich einige Überbietungsdynamiken beobachten. Man denke nur an den möglichen Fall geschiedener Eltern, die ihr Kind beeindrucken wollen und dabei keine Kosten scheuen, nur damit dies dem anderen Elternteil erzählt, was für ein tolles Geschenk man doch von Mama bekommen hat. Schenken kann ganz schön gemein sein.

  2. Alex schreibt:

    Hier ein interessanter Artikel, der eine sehr ähnliche Argumentationslinie verfolgt: „Für die meisten Erwachsenen ist das Schenken komplizierter. Denn Präsente können weit mehr, als Freude stiften. Sie können beschämen und überfordern, beleidigen und verletzen. Manche von ihnen sind bei genauem Hinschauen nicht einmal gut gemeint.“ gefunden unter: http://www.kommata.de/content/sar/index.php?treeid=317&id=3399&sprache=

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