Heute wäre Luhmann 84 geworden…

Niklas Luhmann

Niklas Luhmann
copyright: Universität Bielefeld

Zugegeben, es  wird erst nächstes Jahr wieder zum Jubiläum, aber was soll‘s: Am 8. Dezember 1927 wurde Niklas Luhmann geboren: ein Urgestein der Uni Bielefeld, der erste im Beton berufene Professor und das Markenzeichen der Fakultät für Soziologie mit dem legendären Zettelkasten.

Seine Texte zählen zur zentralen Grundlagenliteratur der Soziologieausbildung in Bielefeld – sie treiben die einen in den Wahnsinn, während sie für die anderen zur Inspiration schlechthin werden. Schon als Ersti wird man mit der Luhmann-Lektüre konfrontiert, wenn auch mit seinen früheren Texten, in denen es gottseidank noch nicht von autopoietischen Systemen, Codes und Selbstreferenzen wimmelt. Zu Recht weist Prof. André Kieserling darauf hin, dass man zunächst den frühen Luhmann sowie seine Interviews lesen sollte und sich erst als grundgebildeter Soziologe, irgendwann im Hauptstudium, seinen späteren Werken nähern sollte – wenn man denn theorieinteressiert und noch nicht an einer Luhmann-Psychose erkrankt ist.

Gerade die Interviews sind tatsächlich zu empfehlen: es gibt zahlreiche Interviewbände[1], die eine gewinnbringende Lektüre bieten und in denen Luhmann sich zudem durchaus verständlich, oft sogar sehr unterhaltsam ausdrückt. Auf eines dieser vielen Interviews sei hier, ‚zur Feier des Tages‘, nur exemplarisch hingewiesen. Es ist aus dem Jahr 1994, also eines der späteren Interviews, und dreht sich, wie soll es anders sein, rund um die Systemtheorie und um damit verbundene Fragen. Zum Beispiel darum, ob aus der Systemtheorie praktische Handlungsanweisungen folgen.

Es wird auch über ökonomische Krisen gesprochen – es geht also um etwas, das kaum aktueller sein könnte. Die Antwort auf eine fast verzweifelt wirkende Frage ist stellvertretend für Luhmanns unaufgeregten Blick auf gesellschaftliche Entwicklungen:

„speak: Glauben Sie, daß die Menschheit mit der [durch ständige Katastrophen und Krisen verursachte] Instabilität zurecht kommt?

Niklas Luhmann: Ja was sollte sie denn sonst tun?

speak: Die Gefahrenpotentiale könnten nicht mehr zu bewältigen sein?

Niklas Luhmann: Eine solche Frage hat nur Sinn, wenn man sich vorstellen könnte, es könnte irgendetwas anderes geschehen außer Katastrophen. Und ich wüßte nicht, was anderes geschehen könnte als das, was sich so abzeichnet an ökonomischer Konzentration, an juristischem raschen Umschlag von Formeln und Begründungen, an politischer Instabilität, die aber über Wahlen im Moment noch abgefangen werden kann. Aber ich halte mich eigentlich in Bezug auf Prognosen zurück […].

Vergleicht man solche Kommentare mit den so oft zu findenden empörten, ja unüberlegten Gegenwartsdiagnosen Intellektueller – man findet sie etwa beim zwei Jahre später geborenen, aber noch nicht gestorbenen Jürgen Habermas[2] – man vermisst sie. Die aktuellen Diagnosen wirken oft wie unreflektierte Übersprunghandlungen. So kann man es nicht oft genug bedauern: es fehlen Intellektuelle wie  Luhmann es war. Solche, die Ruhe und eine gewisse Kühle bewahren, wenn alle anderen den Verstand verlieren. Solche, die mehr bieten als eine verletzte Betroffenheitssemantik aus dem Affekt. Und wenn es nur ein „Aber ich halte mich eigentlich in Bezug auf Prognosen zurück“ ist.

Update: Zur  Feier des Tages haben die Fachschaften Soziologie und Sowi/Powi eine kleine Feierlichkeit veranstaltet. Wie auch letztes Jahr gab es diesmal einen Luhmann-Reputation-Wettbewerb – jeder liest ein Zitat vor und das beste/komplexeste/lustigste/absurdeste gewinnt. Sieger ist diesmal ein Vertreter der Fachschaft Sowi/Powi, Patrick-Pohlmann, mit folgendem Zitat:

Unsere Analysen legen die Annahme nahe, daß die moderne Gesellschaft mit dieser Technik des Beobachtens des Nichtsbeobachtenkönnens das Paradox des Beobachters als des eingeschlossenen ausgeschlossenen Dritten nachvollzieht. Das zwingt dann aber das Beobachten des Beobachtens zum autologischen Schluß auf sich selbst und zum Paradox als Abschlußgedanken: Der Beobachter ist das Unbeobachtbare. Das führt jedoch nicht zur Verzweiflung. Im autopoietischen System gibt es keinen Abschluß, weder Anfang noch Ende. Jedes Ende ist Anfang. Das Paradox löst sich damit in Zeit auf. Das System versetzt damit das, was als Gegenstand nicht beobachtbar ist, in Operation. Und wenn dies Geschieht und wenn solche Beobachtungsoperationen immer wieder auf ihre eigenen Resultate angewandt werden, könnte es sein, daß das im Ergebnis zu stabilen „Eigenwerten“ führt, das heißt zu einer Semantik, die dies aushält und deshalb bevorzugt wird. (Luhmann, Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1081f)

Verstanden?! Alles klar! Herzlichen Glückwunsch zum 84., Herr Luhmann.

von Alexander Engemann


[1] „Archimedes und Wir. Interviews.“ (1987), „Warum haben Sie keinen Fernseher, Herr Luhmann?: Letzte Gespräche mit Niklas Luhmann“ (2004), „Was tun, Herr Luhmann?“ (2009), „Wie halten Sie’s mit Außerirdischen, Herr Luhmann?: Nicht unmerkwürdige Gespräche mit Niklas Luhmann“ (erscheint demnächst).

[2] So die aktuelle absurde Überzeugung, an einem fast vergessenen Ereignis könne man den drohenden Untergang der Würde der Demokratie beschwören: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/euro-krise-rettet-die-wuerde-der-demokratie-11517735.html

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2 Antworten zu Heute wäre Luhmann 84 geworden…

  1. lukas schreibt:

    da konnte sich aber jmd. das Habermas bashing nicht verkneifen 🙂
    wer hat gewonnen??

  2. Alex schreibt:

    Patrick. Kann ich auch gleich mal integrieren 🙂

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