Alltag soziologisch erklärt: Warum dein Chef ein „Arschloch“ ist.

von Michael Grothe-Hammer (ein kleiner Vorgeschmack auf die Druckausgabe, natürlich auch als PDF)

Angeblich jeder zweite Arbeitnehmer[1] klagt über Ärger mit dem Chef. Chefs werden gerne als Verrückte, Idioten oder Arschlöcher (oder alles gleichzeitig) abgetan, was einen ganzen Literaturzweig dazu veranlasst hat, Werke wie „Mein Chef ist ein Arschloch, Ihrer auch?“ (Schönberger 2001) zu kreieren. Hier wird mit allerlei interpretativem Geschick das Klima in deutschen Büros flächendeckend für „ungesund“ (Schönberger 2001: 12) erklärt. Grob verkürzt lautet beispielsweise Margit Schönbergers (vgl. 2001: 52) These: Wenn (einer Umfrage zufolge) nur jeder fünfte Arbeitnehmer auf sein Unternehmen stolz ist, dann kann das nur heißen, dass diese morgens ungern aufstehen, ihr tägliches Frühstück als Henkersmahlzeit empfinden und der Chef an allem Schuld ist. Dass der Vergleich mit Kandidaten in der Todeszelle eventuell etwas überspitzt ist und die angeführten Studien nicht so recht zur flächendeckenden Chefs-sind-Arschlöcher-These passen wollen, sei mal dahingestellt. Wir folgen der These trotzdem: Chefs sind Arschlöcher (meine eigenen natürlich ausgeschlossen) und wir erklären euch jetzt wieso.

Natürlich gibt es eine ganz einfache Erklärung für das Arschloch-Phänomen: Das blöde Arschloch auf dem Chefsessel war vorher schon ein Arschloch. Da in der Allgemeinheit gerne die These vertreten wird, dass man sowieso nur nach oben kommt, wenn man ein Arsch ist, mag diese Antwort durchaus plausibel sein. Eine alternative und ebenfalls allseits beliebte Alltagserklärung wäre die Macht-verführt-These, nach der fast jeder den tiefen Drang verspürt die Macht auch auszuüben, die er besitzt. Diese Charaktere lassen sich allerdings gut herausfiltern mit dem, was George Clooney mal den „Kellner-Test“ genannt hat.[2] Das geht ungefähr so: Wer den guten Kellner schlecht behandelt, der ist ein Arsch und nutzt jede überlegene Stellung gerne aus. Wenn wir in der Folge davon ausgehen, dass es durchaus auch Chefs geben wird, die den Kellner-Test bestehen und folglich keine Naturarschlöcher oder Machtverführte sind, dann brauchen wir also etwas Neues. Denn es könnte doch sein, dass der Chef ein Arschloch ist, obwohl er das gar nicht sein will.

Bedienen wir uns also in der Soziologie. Wenn wir von Arschlöchern sprechen, dann meinen wir Leute, die sich „arschig“ bzw. „arschlochmäßig“ verhalten. Mit anderen Worten: Wir reden von Leuten, die mit ihrem Verhalten bestimmte soziale Normen brechen und sich beispielsweise unhöflich oder beleidigend aufführen.Wenn wir also nun bei Normen angelangt sind, stellt sich die Frage, wie Normen überhaupt hergestellt werden. Im Alltag mag das noch einfach sein: Ob man in einer anderen Stadt sein Busticket am Automaten, beim Fahrer oder an einem Schalter erwerben muss, kann man nachlesen oder einfach durch Beobachtung herausfinden. Letzteres nennt sich dann Imitation. Das funktioniert oft gut, kann aber keine Normen einrichten. Wenn wir uns alle nur imitieren würden, wäre das Leben ziemlich eintönig. Eine andere Variante ist natürlich das klassische Erziehen. Dass man die Herdplatte nicht anfasst, weiß man, weil Papa es einem gesagt hat. Aber auch hier widerlegt uns der Alltag. Was bei Kindern noch häufig der Fall ist, wird bei Erwachsenen selten. Oder wie oft setzt man sich mit anderen zusammen, um zu diskutieren, was angebrachtes Verhalten ist? Stattdessen wird man beispielsweise in Betrieben eher Klatschgespräche vorfinden, in denen über das unmögliche Verhalten der Kollegin Ursula geredet wird. Und hier sind wir am Knackpunkt angelangt. Wie Luhmann (2009: 45) formuliert: „der Verstoß erzeugt erst eigentlich die Norm.“ Heißt: Wo sich die Grenzen von Normen befinden, wissen wir vor allem dadurch, dass sie überschritten wurden, durch einen selbst oder jemand anderes, und (!) dass der Normbruch als solcher kommuniziert wird.[3] Was angemessenes Verhalten ist, weiß man allzu oft erst dadurch, dass man von Freunden u.a. weiß, wann man unangemessen war oder dass man an Klatschgesprächen teilgenommen hat, in denen sich über das Fehlverhalten anderer mokiert wurde.[4] Um das Ganze an einem Alltagsbeispiel zu erläutern: Wahrscheinlich wird auch ein Ostwestfale zustimmen, wenn man sagt, dass es höflich sei, Leute vorzustellen (beispielsweise wenn man mit der Freundin zufällig einen (selbiger bis dato unbekannten) Kollegen beim Spaziergang trifft). Wie die Norm aber im Alltag aussieht, kann man dann leicht beobachten, in meinem Fall auch bei sich selbst. Wir alle wissen, dass das, was häufig als richtiges Verhalten idealtypisch kommuniziert wird, oft nicht den Tatsachen entspricht. Die „echten“ Normen liegen häufig woanders. Sollte man sich bei jemandem entschuldigen, wenn man ihm auf den Fuß tritt? Vermutlich ja. Und: Entschuldigt sich die Mehrzahl der Leute, wenn sie jemandem in der Diskothek auf den Fuß treten? Wohl eher nicht. Wo die echten Normgrenzen liegen, wissen wir meist nur durch die Kenntlichmachung des Normbruchs (entweder durch kollektives Echauffieren über andere oder durch negative persönliche Rückmeldung). Mit anderen Worten: Man muss ein „dieses Verhalten war scheiße“ hören, entweder an einen selbst gerichtet oder über jemand anderes.

Und hier beginnt das Dilemma der Chefs. Durch ihre Position sind sie oftmals von derartigen Rückmeldungen abgekoppelt. Der Chef nimmt typischerweise nicht an Klatschgesprächen unter den Mitarbeitern teil (er ist eher Gegenstand dessen). Genauso geben Mitarbeiter ihrem Chef eher selten Rückmeldungen auf das als „arschig“ empfundene Verhalten. Passend zu Thema und Vokabular möchte ich das Beispiel eines Freundes anbringen: Dass es unhöflich sein könnte, seinen Untergebenen nach analen Sexualpraktiken mit seiner Freundin zu befragen, ist dem „normalen“ Menschen natürlich klar. Wenn der besagte Chef aber nur ein verschämtes Stottern statt eines „Das geht Sie nichts an!“ zurückbekommt, dann fehlt die Sichtbarmachung des Normbruchs. „Normative Erwartungen, die offensichtlich verletzt werden, verlieren, wenn nicht sofort protestiert wird, sogleich an Verbindlichkeit.“ (Kieserling 1999: 52) Chefs bekommen verhältnismäßig wenige bis gar keine Rückmeldungen zu Normbrüchen ihrerseits. Der nötige „Protest“ fällt oft aus. Nach einiger Zeit verschieben sich dann die Grenzen der Normen aus Sicht eines Chefs. Man stelle sich vor, man bekommt nie Rückmeldungen zu seinem Verhalten. Niemand sagt einem, was ein unangemessener Tonfall und ein unangemessenes Gesprächsthema in bestimmten Situationen war, und niemand klatscht mit einem über das unangemessene Verhalten anderer. Woher will man nach längerer Zeit die allgemeinen Normgrenzen noch kennen? Dann wird man zum Arschloch und merkt es nicht. Könnte es vielleicht das sein, was deinem Chef passiert ist?

Literatur und Anmerkungen:

Bergmann, Jörg Reinhold 1987: Klatsch – Zur Sozialform der diskreten Indiskretion, Berlin: de Gruyter

Brinkbäumer, Klaus 2008: Der Ehrenmann, in: KulturSpiegel 8/2008, S. 10-25

Kieserling, André 1999: Kommunikation unter Anwesenden – Studien über Interaktionssysteme, Frankfurt am Main: Suhrkamp

Luhmann, Niklas 2009: Die Realität der Massenmedien, 4. Aufl., Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften

Schönberger, Margit 2001: Mein Chef ist ein Arschloch, Ihrer auch?, 4. Aufl., München: Mosaik bei Goldmann


[1]    Aus Gründen der Lesbarkeit verwende ich im Folgenden nur die männliche Form, obwohl natürlich beide Geschlechter gemeint sind.

[2]    zitiert nach Brinkbäumer 2008: 21

[3]    Siehe hierzu auch die Ausführungen von Kieserling 1999: 52ff, 172ff

[4]    Zu Klatsch siehe vor allem: Bergmann 1987

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