Demographischer Wandel – Die Prognose wird Realität, aber noch immer steuert niemand gegen

Die Kolumne von Michael Grothe-Hammer

Parallel zur bekannten Forderung nach mehr Akademikern fordern Teile der Industrie mittlerweile weniger und halten den Akademikeranteil in Deutschland für zu hoch. Diese groteske Entwicklung hat nichts mit schlechten Quoten zu tun. Sie hat einen dramatischen Hintergrund. Die schlimmen Folgen des Demographischen Wandels beginnen genau jetzt. Für ein Gegensteuern aber fehlt der Wille.

Wer die Medien mit Blick auf den Fachkräftemangel verfolgt, kann mittlerweile ein merkwürdiges Spektakel beobachten. So haben die sechs sogenannten Forschungsweisen, die die Bundesregierung beraten, aktuell ein neues Gutachten vorgestellt. Quintessenz: Wir brauchen mehr Akademiker. Es wird vorgeschlagen vor allem ausgelernte Azubis und über 40jährige Berufstätige an die Unis zu locken, ob mit oder ohne Abitur (vgl. Füller 2012). Die Forderung nach mehr Akademikern ist nicht neu. Teile der deutschen Industrie wollen schon lange, dass die Akademikerquote erhöht wird (vgl. ex. Berger 2010).

Neu ist eine andere Entwicklung. Im Gegensatz zu diesem bisherigen Trend forderte beispielsweise vor zwei Wochen die OWL-Handwerkskammer mehr Lehrlinge und weniger Akademiker (vgl. Hertlein 2012). Quintessenz: Es gibt zu viele Akademiker. Dass so viele Menschen in Deutschland studieren sei ein „Irrweg“, so die Kammerpräsidentin Lena Strothmann (zitiert nach Hertlein 2012).

In der Zusammenfassung fordert der eine Teil der Industrie also mehr Akademiker, während der andere weniger fordert.

Diese grotesken Ausläufer des umstrittenen „Fachkräftemangels“ (vgl. Brenke 2010) haben damit eine neue Dimension erreicht, die eines bedeutet: Die dramatischen Folgen des Demographischen Wandels beginnen jetzt. Dieser wird seit über einer Dekade gepredigt, getan hat sich wenig. Zu diffus, zu unbegreiflich waren die Prophezeiungen der Demographie-Forscher. Und vor allem: Zu oft wurden die stark vereinfachten Prognosen über die Bevölkerungsentwicklung als nahende Tatsachen dargestellt und stellten sich wenig später als falsch heraus. Beispiele:

  • Die offiziellen Modellrechnungen des Bundesinnenministeriums zur Bevölkerungsentwicklung in Deutschland aus dem Jahre 2000 (vgl. Bundesministerium des Innern 2000), in denen vier Prognosemodelle für die nächsten 50 Jahre erstellt wurden. Schon nach nur zehn Jahren zeigte sich: Alle falsch.1
  • Eine UNO-Prognose über weltweite Bevölkerungsbewegungen von Klimaflüchtlingen für den überschaubaren Zeitraum von nur fünf Jahren: komplett falsch (vgl. Bojanowski 2011).

In der Folge werden die Prognosen zwar von jedem zur Kenntnis, aber von fast niemandem so recht ernst genommen, vor allem nicht von der Bundesregierung. Das Problem dabei liegt aber auf der Hand: Im Kern bleibt die Prognose für Deutschland richtig: Es gibt nur wenige junge Menschen und dafür viele Alte, die bald in Rente sind.

Der Wandel verläuft schleichend, aber es gibt markante Punkte, an denen sich etwas verändert. Einen dieser Punkte haben wir nun erreicht. Wenn die einen mehr Akademiker und die anderen mehr Lehrlinge fordern, dann sieht es auf den ersten Blick vielleicht noch so aus, als müsste man das vorhandene Repertoire an potentiellem Personal nur sinnvoller verteilen. Tatsächlich gibt es aber mittlerweile einfach zu wenig Menschen, die man noch irgendwo hin verteilen könnte. Es ist wie beim Telefonvoting einer Castingshow: Wenn mehr Menschen für Kandidat A anrufen, hat Kandidat B relativ und damit faktisch weniger Stimmen. Wenn die Handwerkskammer es tatsächlich schaffen sollte, mehr Menschen für eine Ausbildung zu gewinnen, fehlen letztlich nur noch mehr Studenten an den Unis (und umgekehrt).

Der einzige Ausweg wäre eine hohe Zuwanderungsrate. Da aber die amtierende Bundesregierung ihre urdeutschen Stammwähler auf dem Dorfe nicht verschrecken will, tut sich nichts. Die Bedingungen für Zuwanderer sind weiterhin katastrophal. Bei alldem hat Deutschland momentan noch Glück: Aufgrund der allgemeinen Wirtschaftskrise quälen sich massenweise EU-Bürger aus Spanien oder Griechenland durch Deutschkurse und kommen trotz schlechter Integrationsbedingungen nach Deutschland um hier arbeiten zu „dürfen“ (vgl. FAZ.net 2011). Das Problem wird damit nur aufgeschoben. Wenn die Bedingungen in ihren Heimatländern wieder besser werden, darf man nicht glauben, dass die Zugewanderten ein großes Interesse daran hätten, weiter hier zu bleiben. In einem Land, in dem offenbar sogar Studenten-WGs keine Spanier aufnehmen wollen, weil die bestimmt zu viele Freunde einladen würden (vgl. Böcking / Diekmann / El-Sharif 2012), lebt es sich eventuell nur halb so toll, wie man vielleicht denken mag.

Was wir brauchen ist klar: Leichtere Zuwanderungsbedingungen für Ausländer. Englischsprachige Studiengänge an den Universitäten. The list goes on. Zumindest ein englischsprachiges Studienangebot wäre ziemlich einfach umsetzbar. Schließlich sprechen faktisch alle Dozenten und Studenten an einer deutschen Uni Englisch. Allerdings müsste der Wille auch da sein, ausländische Studierende ins Boot zu holen und da die Universitäten momentan an einem künstlichen Ansturm sowie chronischer Unterfinanzierung leiden, kann man diesen Willen wohl kaum erwarten. Geld müsste her, aber das steckt man lieber in exzellente Forschung (statt Lehre) oder in die Steuererleichterung für Hotels. Den Rest spart man sich. Schließlich ist bestimmt eine andere Regierung dran, bis der Demographische Wandel den nächsten kritischen Punkt erreicht.

Bis dahin gibt es immerhin an der Bielefelder Fakultät für Soziologie einen International Track mit englischsprachigem Kursangebot und dazugehörigem Abschlusszertifikat. Dieses Angebot über die englischsprachige Webseite zu finden, ist aber nahezu unmöglich. Ein Schelm, wer hier den fehlenden Willen vermutet…

Literatur:

Berger, Annette 2010: Deutsche Industrie sucht massenhaft Akademiker, in: Financial Times Deutschland vom 13.10.2010
online abrufbar unter: http://www.ftd.de/unternehmen/industrie/autoindustrie/:folgen-des-wachstums-deutsche-industrie-sucht-massenhaft-akademiker/50181590.html

Böcking, David / Diekmann, Florian / El-Sharif, Yasmin 2012: Hauptsache Zukunft – Junge Spanier in Deutschland, WWW-Dokument, http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,816731,00.html (Abruf vom 29.02.2012)

Bojanowski, Axel 2011: Prognose zu Klimaflüchtlingen bringt Uno in Bedrängnis – Warnung von 2005, WWW-Dokument, http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,757556,00.html (Abruf vom 15.09.2011)

Brenke, Karl 2010: Fachkräftemangel kurzfristig noch nicht in Sicht, in: Wochenbericht des DIW, Nr.46/2010, 77. Jahrgang vom 18.11.2010

Bundesministerium des Innern (Hg.) 2000: Modellrechnungen zur Bevölkerungsentwicklung in der Bundesrepublik Deutschland bis zum Jahr 2050

FAZ.net (Hg.) 2011: Tausende Griechen und Spanier nach Deutschland gezogen, WWW-Dokument, http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/zuwanderung-tausende-griechen-und-spanier-nach-deutschland-gezogen-11576331.html (Abruf vom 29.02.2012)

Füller, Christian 2012: Merkels Bildungsweise schlagen Alarm – Dramatische Akademiker-Studie, WWW-Dokument, http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,817938,00.html (Abruf vom 29.02.2012)

Hertlein, Bernhard 2012: Meister statt Master, in: Westfalen-Blatt, Nr.41 vom 17.02.2012

Statistisches Bundesamt 2011: Leichter Rückgang der Bevölkerung in Deutschland im Jahr 2010, Pressemitteilung Nr. 263 vom 12.07.2011

1Das ergibt sich im Vergleich der Zahlen aus den Modellrechnungen mit den tatsächlichen Zahlen (vgl. hierzu Statitisches Bundesamt 2011).

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3 Antworten zu Demographischer Wandel – Die Prognose wird Realität, aber noch immer steuert niemand gegen

  1. Rainald schreibt:

    Der DAAD bewirbt den International Track übrigens weltweit, was zu einer Explosion der Bewerberzahlen aus Nicht-EU-Staaten geführt hat. Man findet ihn also durchaus.

  2. mgrothe schreibt:

    Hervorragend! Das kann man ja nur begrüßen

  3. Pingback: Deutschland – Don’t go there! | sozusagen

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